Garten
Oase in der Betonwüste
Mit Leidenschaft und Fingerspitzengefühl hat der pflanzenaffine Fernsehjournalist Thomas Jan Pressmann ein Refugium für Tier und Mensch geschaffen. Ein Besuch in seinem Paradies in Bern.

Die Lage könnte dramatischer nicht sein: Über dem schmucken weissen Haus aus den Vierzigerjahren mutet der sechzig Meter hohe Felsenauviadukt – mit einer Spannweite von 156 Metern eine der bedeutendsten Brücken des Landes – wie ein Regenbogen aus Beton an. Während sich oben auf dem Autobahnviadukt eine Blechlawine vorbeiwälzt, erwacht das darunterliegende Quartier an diesem herrlichen Frühlingsmorgen zum Leben. Kinder lachen und singen, Erwachsene joggen und sind mit Velo oder Hund unterwegs. Hier ist glücklicherweise noch nicht alles überbaut. Thomas Jan Pressmann, Journalist beim Schweizer Radio und Fernsehen und mitverantwortlich für das «Regionaljournal Bern Freiburg Wallis», wohnt nur einen Steinwurf vom Bahnhof Bern Felsenau entfernt. Zwischen seinem Haus und der Aare, die je nach Saison in glasklarem Blau oder Türkis durch die Hauptstadt mäandert, liegen ein naturnaher Park und eine von insgesamt achtundzwanzig Familiengartenanlagen. Wie der Viadukt ist auch der Fluss von Bedeutung: Er ist nicht nur das längste sich ganz auf Schweizer Boden befindende Fliessgewässer, sondern obendrein wasserreicher als der Rhein. Zwei Giganten – der eine menschlichen, der andere natürlichen Ursprungs – wirken an diesem Ort Seite an Seite. Bemerkenswert ist aber der eigentliche Gegenstand des Besuchs – der Garten des pflanzenbegeisterten Fernsehjournalisten.

Krasser Gegensatz: Während oben auf dem Viadukt der Verkehr vorüberrauscht, geben die Vögel zwischen Tulpen und Flieder ein Frühlingskonzert. Annette Lepple
Freie Hand bei der Gestaltung
Hier verkünden zahlreiche Vögel, allen voran Amseln, inbrünstig und mit eindrücklicher Lautstärke den Lenz. Im urbanen Umfeld haben unsere gefiederten Freunde eine eigene Strategie gegen menschengemachten Lärm entwickelt: Einige singen lauter, andere in einer höheren Frequenz, um sich bei ihren Liebsten Gehör zu verschaffen. Konzert und blühende Frühlingsboten lassen auch die Passanten nicht unberührt. Immer wieder wirft einer einen Blick auf das verwunschen wirkende Reich. Die ausgewachsenen Bäume, darunter ein Rotahorn Acer rubrum, eine Vogelkirsche Prunus avium und die diversen Hecken geben jedoch wenig preis.
Seit 2011 wohnt und wirkt Thomas Jan Pressmann mit seiner Familie in diesem Stadtteil. Geboren und aufgewachsen im nur zehn Kilometer entfernten Münchenbuchsee BE, liegt ihm das Stadtleben im Blut. Er schätzt die Lebendigkeit, die Nähe zur Arbeit und die Möglichkeiten, die sich ihm, seiner Frau und seiner kleinen Tochter bieten. «Ohne Garten könnte ich aber nicht sein», sagt der 39-Jährige. «Beim Gärtnern kommt alles zusammen – Draussensein, Geschichte, Bewegung, Kultur, es hat sogar eine politische Komponente.» Die Liebe zu Pflanzen begleitete ihn schon von Kindesbeinen an. Unvergessen bleibt das Wunder, das er bei der ersten Gurkenernte erlebte. Auch die prächtigen Stockrosen im Garten seiner Gotte am Jurasüdfuss haben sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt.
Während des Studiums gediehen auf seinem Balkon Blumen aller Art. Platz gab es nie genug, deshalb konnte er sein Glück kaum fassen, als ihm das Haus nördlich des Stadtzentrums angeboten wurde. Und als Sahnehäubchen obendrauf gewährte ihm die Vermieterin im Hinblick auf die Gestaltung des Grundstücks freie Hand. Dieses besteht aus zwei durch einen Fussweg getrennte Parzellen, die von einem ländlichen Kastanienstaketenzaun eingefasst und so optisch miteinander verbunden sind.

Das blaue Kaukasusvergissmeinnicht mit seinem herzförmigen Laub ist ein idealer Begleiter für früh blühende Geophyten wie Tulpen. Annette Lepple
Ein Garten entsteht
Am Anfang gab es abgesehen von den erwähnten Bäumen und einer grossen Scheinzypresse Chamaecyparis lawsoniana nur einen Rasen vor dem Haus und reichlich Wildwuchs auf der gegenüberliegenden Seite, einer einstigen Schafweide. Während Pressmann das schlafende Dornröschen geduldig von Brombeeren und hüfthohem Gras befreite, nahm das Design in seinen Gedanken Gestalt an. «Dieser Teil hatte den Charme einer Waldlichtung, den ich bewahren wollte», sagt der passionierte Gärtner mit dem grünen Daumen. «Ich liebe es, wenn ich in eine andere Welt komme.» In der Tat: Die Hektik der Stadt verblasst, sobald man durch die Pforte tritt.
Unter dem Ahorn siedelte er schattenliebende Stauden wie Salomonsiegel Polygonatum, Lenzrosen Helleborus, Kaukasusvergissmeinnicht Brunnera macrophylla, Immergrün Vinca major, Goldnessel Lamium und verschiedene Farne an, deren verschnörkelte Wedel sich im Frühling kunstvoll entfalten. Zierliche Schachbrettblumen Fritillaria meleagris und duftende weisse Narzissen Narcissus erheben ihr reizendes Antlitz. Weiss panaschiertes Laub setzt dezent lichte Akzente. Von einer komfortablen Bank aus lassen sich die mannigfaltigen Details studieren. Durch einen Rosenbogen gelangt man zu einem aparten Gartenhäuschen, bei dessen Eingang sonnengelbe Osterglocken im Topf Besucherinnen und Besucher willkommen heissen. Ein Wandbrunnen lenkt mit erfrischendem Plätschern von Umgebungsgeräuschen ab. Eine Insel mit Gänseblümchen verbreitet Fröhlichkeit im kurz gemähten Rasen. Nichts wirkt manieriert, alles erscheint natürlich, aber man spürt, diese Nonchalance ist gewollt und mit einem gewissen Aufwand verbunden. Gewächse dürfen sich versamen, das Gras darf hie und da höher wachsen. Der Gemüsegarten mit den geometrischen Beeten und ordentlich gezogene Spalierbäume setzen dem Flair der Wildheit formale Elemente entgegen. «Ästhetik ist für mich wichtig, auch beim Gemüseanbau», sagt Pressmann. Der passionierte Hobbykoch hat für sonnenhungrige Arten wie Tomaten zusätzlich eine der Parzellen in der nahe gelegenen Familiengartenanlage gepachtet. Von der Selbstversorgung ist er zwar weit entfernt, aber es tut und schmeckt gut, einen Teil des Gemüses selbst zu produzieren.
Text und Fotos Annette Lepple
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #2/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.