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Zwischen Reben und Rosen

Geheime Gärten

Das Rebbergdorf Twann BE am Bielersee ist für seinen Wein bekannt. Aber hinter der Dorfgasse verbergen sich noch ganz andere Schätze. Da gibt es nämlich das Hingerdürewägli, wo die alten Weinbauernfamilien ihre versteckten Gärten voller Gemüse und Blumen hegen.

Geheime Gärten
Dahlien, Sonnenblumen und Rosen säumen im Spätsommer das Hingerdürewägli in Twann BE.

Als wir neulich in Twann durch das Hingerdürewägli flanierten, um zu schauen, was da so wächst und blüht, trafen wir auf die Winzerin Anne-Claire Schott, 32. Wir kannten sie nicht persönlich, hatten aber schon in der Zeitung von ihr gelesen. Die studierte Kunsthistorikerin und Önologin gilt als eines der grossen Winzertalente am Bielersee. Sie überrascht mit biodynamischen Kreationen aus dem Betonfass oder einem «Mürliwein», bei dem sie die besten Trauben, die im warmen Mikroklima entlang der alten Steinmauern reifen, im Fass zu einem besonders sonnigen Bielerseewein vereint. Sie war gerade dabei, Verblühtes von ihren Rosen zu schneiden. Wir blieben stehen und gratulierten ihr zum Golddiplom, das sie beim Grand Prix du Vin Suisse für ihren Pinot Gris gewonnen hatte. Sie legte die Schere beiseite und zeigte die Rosen ihrer Mutter, die am Fuss der Chardonnay-Hausreben wachsen. Denn die grosse Gärtnerin, das sei nicht sie, sondern ihre Mutter Marie-Thérèse Schott. Von ihr habe sie alles über Blumen und Gemüse gelernt. Aber worin liegt denn eigentlich der Unterschied zwischen Weinbau und Gärtnern? «Ein Garten sollte schön aussehen. Bei den Trauben hingegen zählt einzig das Aroma. Schön aussehen müssen sie nicht, da sie ja gepresst werden», sagt die junge Winzerin. Und was bei den Reben auch noch anders sei: «Die Stöcke können sehr alt werden. Sie speichern die Informationen all der Jahre, da muss man schon sehr viel sorgfältiger vorgehen», erklärt Anne-Claire Schott. Biologisch arbeitete sie von Beginn weg, nun ist sie dabei, den Betrieb auf Demeter-Standard umzustellen. Und woher hat sie die Leidenschaft für die Reben? Ganz klar von ihrem Vater, dem bekannten Twanner Winzer Peter Schott. Nach ihrem ersten Studium in Kunstgeschichte und Soziologie hängte die junge Frau nach dem Bachelor eine Ausbildung als Önologin an. 2016 übernahm sie die Leitung des elterlichen Weinguts mit 3,3 Hektaren. Nun bildet sie einen Winzer-Lehrling aus und leitet im Sommer ein Team von bis zu sieben Mitarbeitenden.

Rebberggarten

Das Holztor zum Hausgarten der Familie Schott, links ein Birnen-Spalier und Stockrosen, rechts rankt eine Rose ‘Alfred Carrière’ über den Torbogen.

Buschbohnen und Dahlien

Wir gehen durch das Metalltor in den oberen Garten, zum Rebberg hin, wo die Mutter Marie-Thérèse Schott nebst Rosen und Schnittblumen vor allem Gemüse anbaut. Hier wachsen butterzarte Buschbohnen, Zucchini, Lauch, Krautstiel, Rosenkohl, Dill, viele verschiedene Salatsorten. Dazwischen blühen Dahlien und Kosmeen, aus denen sie üppige Blumensträusse bindet. Ausserdem zieht sie diverse Küchenkräuter und prächtige Tomaten, und zwar von einer Sorte ohne Namen. «Die Setzlinge erhalte ich jeweils von Bekannten, die sie selber vermehren», erzählt die Gärtnerin. Bei den Tomaten sei ja der Name nicht so wichtig, fügt sie mit einem Augenzwinkern an. «Hauptsache, sie schmecken richtig gut.» Sie schwärmt von den Gärten am Hingerdürewägli in Twann. Hier gedeihe einfach alles, weil die Pflanzplätze so schön geschützt in den Mauern lägen, auf diesem fruchtbaren Flecken Erde zwischen See und Rebberghang, wo ein ausserordentlich mildes Mikroklima entsteht. Und sie zeigt ihre Pfirsiche und Aroniabeeren. In einem Kübel steht sogar ein Zitronenbaum, der im August grosse Früchte trägt.

Fenchel für Sträusse

Auf der Seeseite des Hingerdürewägli versteckt sich hinter einem alten Holztor der Hausgarten der Schotts mit einem schattigen Sitzplatz und dem üppigen Staudenbeet, das Marie-Thérèse Schott mit viel Liebe pflegt. Sie zeigt einen Weinpfirsichbaum mit tiefroten Früchten und erzählt: «Das ist eine ganz alte französische Sorte, wurzelecht. Die Steine werfen wir immer in den Garten, und dann verschenke ich die jungen Bäumchen, damit die Sorte erhalten bleibt.» Das schlanke Bäumchen liegt ihr besonders am Herzen, denn es stammt aus der Savoie (F), woher sie vor bald 40 Jahren nach Twann gezogen ist. In ihrer alten Heimat würden diese zarten Pfirsichbäume extra gezüchtet, weil sie wenig Schatten werfen und darum gut zwischen den Reben wachsen können, ohne dem Wein zu schaden. Gegenüber dem Weinbergpfirsich hegt sie ein üppiges Staudenbeet mit Phlox, Sonnenhut, Lampionblumen, Salbei, Dahlien, Malven und vielen anderen Sommerblumen. Sie lacht: «Das ist etwas wild, aber ich mag es so. Bei mir darf alles nach Lust und Laune wachsen und blühen, mir sind alle Blumen willkommen.» Zwischen den Blumen spriessen grosse Büschel Gewürzfenchel. «Oh nein, so viel essen wir natürlich nicht selber. Den brauche ich für die Blumensträusse», sagt sie lachend. Beim Sitzplatz wächst zartes, schilfartiges Grün, das wir so noch nie gesehen haben. Die begnadete Hobbygärtnerin erklärt, das sei keine seltene Pflanze, nein, es sei ein alter Gartentrick von ihr. Die Pflanzen seien Taglilien, die sie im Sommer jeweils komplett zurückschneide. Dann bildeten diese auf den Herbst hin diesen zarten grünen Blätterteppich, der ihr so gut gefalle.

Büsi

Ein vorwitziges Büsi lauert zwischen den Rebenranken.

Historisches Schmuckstück

Während wir noch über den Schnitt der Taglilien diskutieren, meldet sich über den Gartenzaun Gerhard Engel zu Wort. Er wohnt direkt nebenan und stammt ebenfalls aus einer alten Weinbauernfamilie. Er ist schon lange pensioniert und macht sich nun als leidenschaftlicher Dorfhistoriker nützlich. Früher hätten die Berner Patrizier streng kontrolliert, dass die Weinbauern zwischen den Reben nicht zu viel Gemüse zogen, erzählt er. «Eigenes Gemüse brauchten die Weinbauern damals aber dringend, um zu überleben. Sie waren mausarm, denn die Berner Herren verlangten die Hälfte der Trauben. Also haben die Frauen der Weinbauern Kartoffeln, Lauch und Kohl zwischen die Rebenreihen geschmuggelt und versucht, sich kleine Pflanzblätze zu ergattern», führt Engel aus. Inzwischen sei es einfach noch eine lieb gewonnene Tradition, und die Gärten am Hingerdürewägli würden besonders sorgfältig gepflegt. «Einmal wollte hier einer eine Garage bauen», erzählt er weiter. «Das wäre eine Katastrophe geworden, dann hätten bestimmt alle hier Garagen und Parkplätze angelegt.» Aber im Dorf wehrte man sich dagegen, und er hat schliesslich keine Bewilligung bekommen. So ist das Hingerdürewägli erhalten geblieben. «Und wir sind froh, dass wir diese historischen Schmuckstücke bewahren konnten.» Heute kultivieren die Weinbauernfamilien immer noch viele Bohnen, aber Kartoffeln und Zwiebeln sieht man kaum mehr. Dafür sonnen sich auf den Mauern prächtige Kürbisse, und auch viele Tomaten sind zu entdecken. «Die kamen in den Sechzigerjahren mit den Italienern in unsere Gärten», erinnert sich Engel. «Die Twanner merkten natürlich bald, dass nebst den Reben auch die Tomaten hier bestens gedeihen.»

Text Sabine Reber Fotos Stöh Grünig

Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #5 September/Oktober 2018. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.