Garten
Schneeglöckchen, weiss Röckchen
Jetzt tanzen sie wieder und kündigen den Frühling an. Schneeglöckchen blühen bei Margrit Simon und Andrea Mazzocco in Jona SG gleich tausendfach – darunter etliche Raritäten. Die Geschichte des Blütenmeers begann mit einem Gefallen.

Er ging nur seiner Frau zuliebe mit. Weil er wusste, dass er ihr damit eine Freude machen konnte. Gärten! Margrit Simon liebt sie und alles, was damit in Zusammenhang steht. Ihr Mann Andrea Mazzocco fand Blumen und Bäume auch schön – aber damit hatte es sich. Und dann die Schneeglöckchenreise nach England. Ins Land der Gartenverrückten und Gartenenthusiasten. Nicht etwa bei angenehmem Sommerwetter, sondern auch noch im Winter.

Nie hätte Andrea Mazzocco gedacht, dass ihn eine Pflanze einmal derart begeistern könnte. Seine Frau Margrit Simon freuts. Willy Spiller
Leider schon ausverkauft
Da sind sie nun – es ist Februar 2017 – in Elworthy Cottage, einem privaten Schneeglöckchenparadies im Südwesten Englands. Erstaunt beobachtet Andrea Mazzocco gestandene Männer, die neben ihm in die Knie gehen und Schneeglöckchen aus nächster Nähe bewundern. Überrascht erlebt er, wie seine Frau nach der Gartenführung ein Töpfchen einer neuen Schneeglöckchensorte kaufen will, aber bereits alle ausverkauft sind. Er und auch Margrit Simon erkennen: Schneeglöckchen haben viele Verehrer. Und man muss sie vor dem Anlass kaufen, denn danach sind sie weg.
Ein Jahr darauf lässt sich Mazzocco noch einmal zu einer Schneeglöckchenreise nach England überreden – und da geht auch er in die Knie. Diese Vielfalt! Diese minimalen und doch gut erkennbaren Unterschiede! Dieser Auftritt! Wie sie in ihren weissen Kleidern unter den Bäumen tanzen, während der Rest des Naturreichs noch schläft. Auch die vielen Blätter- und Blütenformen, pagodenförmig, schildförmig, gekreppt, gebauscht, gefüllte und ungefüllte Blüten. Plötzlich sieht auch er die Details, die Nuancen in den Zeichnungen, bei den Farben. «Geläutert kehrte ich nach Hause zurück», erzählt er.
Heute ist Andrea Mazzocco Präsident des Vereins Galanthophile Schweiz, den er 2019 zusammen mit Margrit Simon und dem Schneeglöckchenexperten Yanik Neff gegründet hat. Die Schneeglöckchensammlung in ihrem Garten in Jona ist eindrücklich gewachsen: Da liegt ein Schneeglöckchenteppich unter dem grossen Amber-baum, und in drei Hochbeeten stehen Töpfchen mit über hundert fein säuberlich beschrifteten Sorten. So muss man nicht mehr in die Knie gehen und kann trotzdem Sorten wie ‘Sahnehäubchen’ und ‘Polarbär’ bewundern. Hier stehen die beiden und sprechen entzückt über die reizenden Pflanzen. «‘Augustus’ hat diese gekreppten Blütenblätter – hübsch, nicht wahr?», schwärmt Margrit Simon, Andrea Mazzocco zeigt auf ‘Tiny Tim’, der – wie es der Name sagt – mit seinen knapp zehn Zentimetern sehr klein ist. Jetzt hat Margrit Simon ‘Art Nouveau’ entdeckt, deren Blütenblätter eine feine grüne Zeichnung aufweisen – «wie ein Pinselstrich, so hübsch!» Und als wollte sie die unweit danebenstehende ‘Lucy’ mit ihren auffällig grün-weissen Blüten nicht kränken, legt sie sich deren Köpfchen sorgfältig auf die Handfläche und sagt: «Sie ist doch auch eine sehr Hübsche.» Und wo sind Margrit Simons ganz besonderen Lieblinge? «Ich liebe sie alle», sagt sie bestimmt, und auch er möchte sich nicht festlegen, verrät dann aber, dass ihm ‘Philippe André Meyer’ wegen den pagodenförmigen Blüten und der grünlichen Zeichnung auf den äusseren Blütenblättern schon ausserordentlich gut gefällt.
So wie die beiden sind schon Tausende davor in den Bann des Schneeglöckchens geraten. Der Zauber hat in Grossbritannien vor rund hundertsechzig Jahren seinen Anfang genommen. Britische Soldaten hätten von ihrer Dienstzeit im Krimkrieg Schneeglöckchen nach Hause gebracht, wie es der 2012 verstorbene deutsche Schneeglöckchenexperte Günter Waldorf in seinem Buch «Schneeglöckchen. Zauber in Weiss» beschreibt. Denn da, wo damals gekämpft wurde, sind auch die meisten der dreiundzwanzig Schneeglöckchen-Wildarten beheimatet. Sie sind der Ursprung von über dreitausend Sorten, die im Lauf der Jahre gesammelt und gezüchtet worden sind. Nicht zuletzt, weil sich Schneeglöckchen so gut kreuzen lassen und neue Sorten entstehen, wurden sie in England immer beliebter.

‘Heffalump’, eine mit unserem einheimischen Schneeglöckchen verwandte Sorte, fällt mit seinen gefüllten Blüten auf. Willy Spiller
Horrende Preise
Neue Sorten werden zum Teil – je nach Aussehen – teuer gehandelt. Für über 1700 Franken wechselte vor einigen Jahren ein einzelnes Zwiebelchen der ‘Golden Fleece’ den Besitzer. Auch für andere seltene Sorten werden mehrere Hundert Franken bezahlt. Auch Margrit Simon und Andrea Mazzocco sind bereit, für eine Sorte, die sie besonders begehren, mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Aber mehr als fünfzig Franken sollten es doch nicht sein. «Meistens werden die Schneeglöckchen mit den Jahren günstiger», sagt Margrit Simon. «Ich warte einfach, bis sie erschwinglich sind. Der Garten hat mich immer schon Geduld gelehrt.»
Text Sarah Fasolin Fotos Willy Spiller
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #1/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.