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Kreative Vermittler

Die Ranger vom Greifensee ZH

Ranger sind für ein optimales Miteinander von Mensch und Natur zuständig. Wir haben Urs Wegmann und Maria Rohrer von der Zürcher Greifensee-Stiftung auf einer Tour begleitet.

urs wegmann im biberreservat marthalen
Urs Wegmann am Bibersee bei Marthalen ZH. Der Leiter der Ranger der Greifensee-Stiftung ist auch für die Biberfachstelle des Kantons Zürich zuständig. Die Nager haben hier den See gestaut.

Wie frisch es doch hier riecht – erdig, moorig, ein bisschen modrig, aber trotzdem herrlich aromatisch. Es ist ein kühler Morgen im März, noch lässt der Frühling auf sich warten. Weit oben an einem Eichenstamm hämmert ein Specht, irgendwo im Dickicht raschelt es. Sonst ist es still. Dunkel liegt der Waldsee mitten im Gehölz. Er spiegelt die abgestorbenen Stämme, die bizarr aus ihm herauswachsen. Von den Bewohnern dieses geheimnisvoll anmutenden Biotops – den Bibern – ist indes nichts zu sehen, sie scheinen alle abgetaucht. Urs Wegmann lässt den Blick über die glatte Wasseroberfläche gleiten, doch auch er entdeckt nichts, das Aufmerksamkeit erregt. «Um einen Biber zu Gesicht zu bekommen, braucht es Glück. Er ist scheu und lebt heimlich in unseren Gewässern», sagt der Naturexperte und fügt an, dass sich die Anwesenheit des Nagers oft nur an den vielen Spuren nachweisen lasse: an gefällten Bäumen, Dämmen, Fäll- und Fressplätzen, Nagespuren und anderen mehr.

biberreservat marthalen von Biber gefällter Baum

Eine Nagespur am Stamm oder ein gefällter Baum sind untrügliche Zeichen der Anwesenheit eines Bibers.

Kantonale Biberfachstelle

Urs Wegmann ist Ranger, genau gesagt der Chef des professionellen Rangerteams der Greifensee-Stiftung. Im Auftrag des Kantons Zürich haben er und seine fünf Mitarbeiter die Aufgabe, in den Naturschutzgebieten rund um den Greifen- und den Pfäffikersee sowie im Neeracherried Erholungssuchende und Freizeitsportler über die Regeln zu informieren und die Natur vor Störungen zu schützen. Darüber hinaus leitet der 47-Jährige, der kürzlich als European Representative in den Vorstand der International Ranger Federation (IRF) gewählt wurde, auch die kantonale Biberfachstelle. An diesem Morgen ist er unterwegs im Niederholz bei Marthalen ZH, wo in den letzten zehn Jahren ein für die Schweiz einmaliger Bibersee in einer mystischen Auenlandschaft entstanden ist. Gebaut wurde diese von den Bibern selbst. Dank einem von der Gemeinde Marthalen, dem Kanton Zürich und Pro Natura geschlossenen Waldreservatsvertrag können die grossen Nagetiere dort wirken, ohne dass der Mensch eingreift.

kormorane und ein schwan im natruschutzgebiet greifensee bei aaspitz

Auch Kormorane überwintern am Greifensee. Ihr Gefieder ist nur teilweise wasserabweisend, sie müssen es nach Tauchgängen trocknen (rechts). Ein Schwan taucht derweil nach Nahrung.

Wissen vermitteln

Die Landschaft hat sich durch die überfluteten Bereiche spektakulär verändert und bietet heute nicht nur den Bibern, die bis Mitte des letzten Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet waren, sondern auch anderen teils bedrohten Tier- und Pflanzenarten attraktive Lebensräume. An Exkursionen lässt sich diese Welt entdecken. Solche Touren zu leiten und Interessierten Wissen zu vermitteln, ist ein Teil von Urs Wegmanns Aufgaben. Der gelernte Forstwart, der während mehrerer Jahre auch als Fachjournalist arbeitete und sich 2007 am Bildungszentrum Wald in Lyss BE zum Ranger ausbilden liess, ist aber auch Anlaufstelle, wenn in anderen Regionen im Kanton durch die vierbeinigen Landschaftsarchitekten Konflikte entstehen. Denn mitunter fällt der Biber Bäume in privaten Gärten, untergräbt Strassen oder flutet landwirtschaftliche Felder. «Der Biber ist geschützt, ebenso seine Werke», erklärt Wegmann. Wer Massnahmen ohne Bewilligung des Kantons treffe und Dämme oder Bauten zerstöre, mache sich strafbar.

biberreservat marthalen Gruppe Menschen

Ein Teil der Aufgaben von Urs Wegmann ist, Exkursionen im Biberreservat zu leiten.

Vermittler, keine Polizisten

Szenenwechsel. Ein paar Wochen sind vergangen, dieses Mal treffen wir den höchsten europäischen Ranger am Greifensee. Urs Wegmann ist unterwegs mit dem Velo, er patrouilliert zusammen mit seiner Arbeitskollegin Maria Rohrer auf den Wegen und Abschnitten rund um das Gewässer. Immer wieder steigen die beiden vom Fahrrad, gehen zu Fuss hinunter an die Stege am See, grüssen die Leute, die ihnen begegnen, suchen das Gespräch und lassen sie durch ihr Fernrohr dann und wann auch die Vögel beobachten, die sie grad entdeckt haben.

Immer mehr Menschen zieht es in die Natur – an Seen, in Wälder, in die Berge. An stadtnahen Hotspots wie etwa dem Greifensee tummeln sich an schönen Wochenenden Tausende von Leuten mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen. Die einen wollen Sport treiben und sich verausgaben, die anderen suchen die Stille und Unberührtheit, wiederum andere möchten Tiere und Pflanzen beobachten. Der Druck auf die Natur nimmt deshalb je länger, je mehr zu, gleichzeitig wissen die Besucher immer weniger über ökologische Zusammenhänge und über die Bedürfnisse von Tieren und Pflanzen. «Die Natur nutzen und sie schützen, schliesst sich nicht aus», ist Urs Wegmann überzeugt. «Das Ganze muss jedoch klar geregelt sein, gerade in so intensiv genutzten Gebieten wie hier. Wir Ranger sorgen dafür, dass diese Regeln in den Schutzgebieten eingehalten werden», fügt der Fachmann an, betont aber, dass sie keine Polizisten seien, auch wenn sie eine Uniform trügen. «Wir sind vielmehr Vermittler. Wir informieren und sensibilisieren die Besucher, denn diese müssen verstehen, dass sie zum Beispiel einen geschützten Abschnitt nicht betreten sollten, weil es dort bodenbrütende Vögel gibt oder ein Eisvogel eine Brutröhre gräbt. Nur wer eine Regel versteht, hält sich daran.»

ranger Urs Wegmann und Maria Rohrer auf patrouille mit velo im natruschutzgebiet greifensee

Urs Wegmann und Maria Rohrer sind mit dem Velo auf Patrouille rund um den Greifensee unterwegs.

ranger maria rohrer im kontakt mit besuchern im natruschutzgebiet greifensee

Die Rangerin Maria Rohrer zeigt Besuchern wie hier Irma und Alois Portmann gerne Spezielles: etwa seltene Gäste wie den Stelzenläufer oder die Flussseeschwalbe.

1500 Regelverstösse

Trotz vielfältiger Sensibilisierungsarbeit durch Standaktionen, Exkursionen und durch rund dreitausend persönliche Informationsgespräche im Jahr müssen die Ranger der Greifensee-Stiftung auf ihren Touren täglich Spaziergänger, Fischer, Vogelbeobachter, Velofahrer und Jogger auch auf Regelverstösse aufmerksam machen. Rund 1500 sind es pro Jahr. In den häufigsten Fällen wird dabei der Leinenzwang für Hunde missachtet, das Fischereirecht verletzt, oder es werden Wege im Schutzgebiet verlassen. Schwere Verfehlungen wie Feuer machen und Campieren, wildernde Hunde oder unsachgemässes Töten von Fischen sind hingegen selten. «Meistens enden die Gespräche damit, dass die Angesprochenen die Regeln akzeptieren. Nur in vierzig bis sechzig Fällen jährlich kommt es zu Anzeigen», fügt Wegmann an und verweist in diesem Zusammenhang auf Deeskalationsfähigkeit und Kommunikationsstärke, die es in diesem komplexen Spannungsfeld braucht. «Ranger müssen die Natur und die Menschen gleichermassen lieben. Wer den Menschen als Gegner erachtet, ist am falschen Ort.»

Text: Corinne Schlatter
Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #1 März/April 2020. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper

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Stichworte: Reportage