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Altes Handwerk

Die Zinngiesserin aus Appenzell

Zinngiessen: Die Legierung ist ein Geheimnis. Das Zusammenspiel von heiss und kalt essenziell. Sibylle Bichsel aus Appenzell ist fasziniert vom alten Schweizer Handwerk – und geht neue Wege.

Zinngiesserin Sibylle Bichsel bei der Arbeit
Sibylle Bichsel bei der Arbeit in ihrer Appenzeller Kunstgiesserei im Zunfthaus zu Appenzell. Ein Ort voller Handwerk und Nostalgie.

Zinnfiguren der besonderen Art

Die Zötteli sind die Herausforderung. Eigentlich auch der Bart. Sibylle Bichsel, 51, dreht die Silikonform in ihrer Hand und zeigt auf ein kleines Loch am Kinn. Hier entweicht die Luft. Sonst würden unschöne Bläschen entstehen. Glücklicherweise lässt sich bei Zinn mit Löten und Feilen vieles auch wieder korrigieren. Und genau hier ist sie zu finden – die Leidenschaft, mit der Sibylle Bichsel das «Silber der Armen» bearbeitet. Mit Zinn lässt sich spielen, experimentieren. Allein schon die unterschiedlichen Verfahren, die ihr zum Giessen zur Verfügung stehen. Ob Silikon-, Gusseisenform oder Gusssand – alle drei bringen detailgetreu ans Tageslicht, was das Objekt zu bieten hat. Keine Rille zu fein, keine Kerbe zu sanft und keine Kontur zu extravagant, als dass sie mit Zinn nicht wiedergegeben werden könnte. Vor bald fünf Jahren hat sich Sibylle Bichsel dazu entschieden, Zinngiesserin zu werden. Ein ungewöhnlicher wie auch gewagter Quereinstieg. Dass er sich gelohnt hat, zeigt ein Blick in ihre im Zunfthaus zu Appenzell untergebrachte Appenzeller Kunstgiesserei. Eine kleine Welt aus Zinnfiguren der besonderen Art.

Zinngiesserin Sibylle Bichsel muss kühlen, heizen und Druck erzeugen.

Die grosse Kunst des Zinngiessens: kühlen, heizen, Druck erzeugen – alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Liebe auf den ersten Blick

Eigentlich will Sibylle Bichsel bei Sennensattler Roger Dörig lediglich Flyer für die Ausstellung ihrer Schnitzfiguren auflegen, als er sie bei dieser Gelegenheit durch sein liebevoll renoviertes Handwerkerhaus am Postplatz in Appenzell führt. Unter einem Dach sollen fortan drei Handwerker ihrer Berufung nachgehen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Sibylle Bichsel die Giesserei im Parterre betritt. Hier steht alles bereit – nur ist der vorgesehene Zinngiesser in letzter Minute abgesprungen. 

Kunstgiesserei Sibylle Bichsel_Appenzell_heisses Zinn fliesst in die Silikonform

300 Grad heisses Zinn füllt die Silikonform eines Stierkopfs.

Zinn einschmelzen statt giessen

Zinngiesser. Nichts, was man heute allgemein gesprochen als Beruf mit Zukunft betiteln würde. Becher, Krüge, Teller und Pokale aus Zinn sind aus der Mode gekommen. Wecken allerhöchstens beklemmende Kindheitserinnerungen. Wer diese Dinge erbt, bringt sie meist zum Einschmelzen. Doch Sibylle Bichsels Herz klopft, und ihre Knie sind weich. Auf die Frage, ob sie die Giesserei übernehmen wolle, gibt sie zu bedenken, dass sie doch gar kein Zinn giessen könne. Roger Dörigs knappes «Dann lernst dus halt» besiegelt den Deal. Zwei Dinge stehen ab sofort unumstösslich fest: Sibylle Bichsel will Zinngiesserin werden und dabei ganz sicher keine Zinnbecher machen. Ihren Lehrmeister findet sie in Jörg Hiltbrunner im bernischen Rohrbach. Auch wenn sie sich während der ersten Monate verflucht, weil nicht mal das Giessen einfachster Formen gelingt – Sibylle Bichsel beisst auf die Zähne und macht weiter. Stellt Fragen, übt und übt. Heute weiss sie die Vorteile eines Quereinstiegs zu schätzen. Wer ein Handwerk nicht von Grund auf erlernt, tut Dinge, ohne zu wissen, dass sie eigentlich nicht funktionieren. Das sorgt zwar für Leerläufe, lässt aber Neues entstehen. Und Sibylle Bichsel arbeitet in der Tat ausserhalb der Norm.

Drei in einer Silikonform gegossene Stierköpfe als Herzstück einer Pendelleuchte

Drei in einer Silikonform gegossene Stierköpfe bilden das Herzstück dieser Pendelleuchte. Mit einer speziellen Technik verzinnt Sibylle Bichsel dabei die Fassung.

Zinngiesserin Sibylle Bichsel macht die Nachbearbeitung bei einem Steinbock-Kopf

Bei der Nachbearbeitung weicht der Goldschimmer dem silberweissen Zinnglanz.

Die Handwerker von Appenzell

Unterstützung und Ideen liefern sich die zünftigen Handwerker im Herzen von Appenzell gegenseitig. Steinbock- und Geissköpfe zu giessen beispielsweise. Mittlerweile schmücken diese gar Deckel von Toilettenpapier-Halterungen. Attraktiven Einsatz findet Sibylle Bichsels Zinn auch als Intarsie von Holzmöbeln – ein aussergewöhnlicher Einsatz des weichen Schwermetalls, der ihren zwischenzeitlich verstorbenen Lehrmeister erstaunt und gefreut hätte.

Text: Bettina Bono

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Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #4 Juli / August 2019

Cover Schweizer LandLiebe #4 Juli/August 2019
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Stichworte: Reportage, Handwerk