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Schweizer Fährleute

Eine Familie im Fluss: Zu Besuch auf der Aarefähre

Die Aarefähre zwischen Wolfwil SO und Wynau BE verbindet nicht nur zwei Kantone, sondern auch die reiche Erfahrung von vier Fährgenerationen. Boot voraus zum Besuch!

Die Fährleute Ackermann-Gwerder fahren ihr Boot im weitum einzigen naturbelassenen Aareabschnitt
Hier sitzen alle in einem Boot! Die Fährleute Ackermann-Gwerder fahren ihr Boot im weitum einzigen naturbelassenen Aareabschnitt. Sie überqueren zwischen Wolfwil SO und Wynau BE die Kantonsgrenze.

Sommeridylle auf der Aare

Schhhhhh … Schhhhh … Sanft gleitet das fast elf Meter lange und zweieinhalb Meter breite Boot mit dem Kennzeichen «SO 906» über die Aare. Das gleichmässige Geräusch des Wassers wirkt sofort beruhigend, kein Motor stört diese Sommeridylle. Als sogenannte Gierseilfähre holt das Boot seinen Antrieb nämlich nur aus der Flussströmung. Hinten am Steuerruder hat Fährfrau Nicole Ackermann wortwörtlich alles im Griff: Von hier aus wählt sie den Winkel, der je nach Wasserstand und Anzahl Passagiere für den nötigen Zug sorgt und das gewünschte Tempo macht. Ganz schön schnell fliesse das Wasser heute, finden wir. Nicole Ackermann lacht und winkt ab. «Ach, das ist noch gar nichts! Heute ist die Aare sehr langsam, es ist wohl nur eine Schleuse offen beim Kraftwerk Wynau. Bei zwei geöffneten reisst sie viel mehr.» Die 42-Jährige weiss bestens, wovon sie spricht. Oder vielmehr, wie und wohin sie steuert. Seit sie denken kann, überquert sie mit der Aarefähre von Wolfwil SO nach Wynau BE und zurück von Mitte April bis Ende September zigmal die Kantonsgrenze, die mitten durch den Fluss verläuft. Schon als kleines Mädchen lernte sie von ihrem Grossvater das Fähren-Einmaleins. Zum Beispiel: beim Ablegen den Schwenkhebel niemals fallen lassen, bei allen Aktionen immer ruhig und mit Menschenverstand vorgehen.
«Es braucht auch die richtige Mischung aus Erfahrung und Gefühl. Ich bin froh, dass ich Notanker und Rettungsring noch nie einsetzen musste», sagt Nicole Ackermann und berührt schnell die Sitzbank. «Holz alänge!», schliesslich soll das auch in ihrer dreizehnten Saison als Fährfrau so bleiben.

Nicole Ackermann am Steuerruder der Aarefähre

Mit Kennerblick voraus: Mit Nicole Ackermann steht bereits die vierte Generation am Steuerruder der Aarefähre.

Nicole Ackermann und Roger Gwerder mit ihren Kindern Silas und Celine.

Mit Netz und doppeltem Fährenboden: Nicole Ackermann und Roger Gwerder mit ihren Kindern Silas und Celine.

Tradition weiterführen

Die Fährverbindung zwischen Wolfwil und Wynau lässt sich bis ins Jahr 1266 zurückverfolgen. Wie viele andere Fähren auf Schweizer Gewässern war auch sie jahrhundertelang ein wichtiger Transport-, Handels- und Verkehrsweg und in (noch) brückenfreien Zeiten weit und breit der einzige Flussübergang. Während früher vor allem Bauern, Pilger oder Schmuggler die Fähre nutzten, sind es heute Wanderer, Velofahrer oder Schulklassen. Als weitum einziger naturbelassener Aareabschnitt ist die Gegend gut besucht; auch führen hier mit der Mittelland- und der Aareroute zwei beliebte nationale Velowege vorbei. «An einem schönen Wochenende übersetzen wir gut und gerne achtzig bis hundert Personen am Tag», erzählt Nicole Ackermann. Auch für Spezialfahrten ist sie zu haben.

Geschwister Silas, Celine und ihr Freund Joël auf der Aarefähre

Keiner zu klein, ein Fähren-Fan zu sein! Silas (links) und Celine wachsen mit und auf dem Fährboot auf. Ihr Freund Joël ist ebenfalls gerne dabei, wenn es Fische und Pflanzen aus nächster Nähe zu beobachten gilt.

Heiratsanträge und Trauungen

So fand schon ein Heiratsantrag auf der Fähre statt oder sogar ganze Trauungen: «Mit quer gestelltem Ruder steht das Boot so lange still, wie man will.» 2007 übernahmen sie und ihr Bruder Iwan Ackermann die Fähre in der vierten Generation. Ihre Eltern führten diese jahrzehntelang auf privater Basis, nebst dem Hauptgeschäft, einer Schreinerei hinter dem Fähr- und Wohnhaus in Wolfwil. Hier lernten auch Nicole und Iwan den Schreinerberuf. Dass sie den Fährbetrieb fortführen würden, habe nicht immer schon festgestanden. Zum Thema wurde es aber, als aus Krankheitsgründen die Nachfolgefrage plötzlich im Raum stand. «Mir wurde klar: Wenn man eine so ehrenvolle, lange Tradition weiterführen kann, sollte man es tun!», erinnert sich Nicole Ackermann. Aber sie betont: «Es geht nur, wenn alle mit anpacken.» 

Text: Sabrina Glanzmann

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Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #5 September, Oktober 2019

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Stichworte: Reportage