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Mit «Düü-daa-doo» über die Berge

Vierpässefahrt mit dem Postauto

Acht Stunden, fünfundvierzig Minuten: Die Vierpässefahrt über Grimsel, Nufenen, Gotthard und Susten ist die längste Postautoroute der Schweiz. Langweilig ist sie nie.

Vierpässefahrt: Postauto auf dem Weg von der Grimsel zum Nufenen
Erst nidsi, dann wieder obsi: Postauto auf dem Weg von der Grimsel zum Nufenen, dem höchsten, komplett in der Schweiz liegenden Alpenpass.

«Düü-daa-doo»

Einundvierzig Mal! Ernst, der Postautofan, wedelt begeistert mit seinem Notizblock. Bei jedem «Düü-daa-doo» hat er einen Strich gemacht und die Gründe für den Einsatz des Horns notiert. «Winkende Wanderer gegrüsst» – zwei Striche. «Waghalsige Töfffahrer ermahnt» – ein Strich. «An unübersichtlichen Stellen auf die Ankunft des Postautos hingewiesen» – siebenunddreissig Striche. So oft an einem Tag habe er das Horn noch nie gehört, lässt er die Mitreisenden wissen. Allein dafür habe sich die Fahrt über die vier Pässe gelohnt. «Für meine Ohren ist jedes Düdado Musik.»
Ist es ja auch. Gioachino Rossini hat den Dreiklang anno 1829 komponiert. Für die Ouvertüre zu seiner Oper «Wilhelm Tell». Knapp ein Jahrhundert später wurde sein Cis-e-a zur Erkennungsmelodie des Schweizer Postautos erkoren und als unüberhörbares Signal auf allen Bergpoststrassen eingesetzt. Bis heute darf nur Düü-daa-doo’len, wer anspruchsvolle Höhenrouten zu meistern hat. Wie die Postautos der Linie 12.682, auch Vierpässefahrt genannt. Sie startet in Meiringen im Berner Oberland und führt über Grimsel-, Nufenen-, Gotthardund Sustenpass zurück zum Ausgangspunkt. Dauer: acht Stunden und fünfundvierzig Minuten. Damit ist die Vierpässefahrt die längste ÖV-Direktverbindung der Schweiz – und die kurzweiligste obendrein.

Weltberühmte Serpentinenstrasse: die Tremola

Weltberühmte Serpentinenstrasse: Auf einer Länge von vier Kilometern überwindet die Tremola 300 Höhenmeter in 24 Kehren. Ihr Ziel ist die Gotthard-Passhöhe.

Los geht die Vierpässefahrt

«Grüessech mitenand und herzlich willkomme!» Chauffeur Adolf von Bergen setzt sich auf den Platz «mit der besten Aussicht», wie er witzelt, startet den Motor und gibt Franz Wyrsch, seinem Kollegen im Postauto nebenan, das Zeichen zur Abfahrt. Wie immer bei guter Wetterprognose ist die Vierpässefahrt bis zum letzten Sitzplatz ausgebucht. Ohne das zweite «Poschti» mit Franz Wyrsch am Steuer müssten alle, die unterwegs zusteigen, die Fahrt im Stehen verbringen. Was bei einer Vollbremsung verheerende Folgen haben könnte, wie Chauffeur von Bergen sagt. «Auf einer Strecke wie dieser muss man immer mit unvorhersehbaren Ereignissen rechnen.» An seine Worte werden wir uns schon bald erinnern.

Postauto auf der Anfahrt zum Nufenen.

Grimsel und Gelmersee

Kaum sind die Häuser von Meiringen nur noch ein Bild in den grossen Rückspiegeln, beginnt die Aufwärmstrecke nach Innertkirchen. Dort, ennet der Aareschlucht, machten sich weiland die Säumer auf ihren langen Weg hinauf zur Grimsel und weiter bis zu den Märkten von Norditalien. Im Gepäck der Exportschlager der Innerschweiz: Sbrinz. Heute führt eine wohlausgebaute Strasse hinauf in die Grimselwelt mit ihren jäh aufragenden Granitfelsen und den blassgrün schimmernden Stauseen. Deren Wasser speist die Kraftwerke Oberhasli, versorgt täglich eine Million Menschen in der Schweiz mit Strom. Auf der Höhe des Gelmersees, dem ersten der sieben Stauseen, passieren wir die Talstation einer der berühmtesten Bahnen des Landes: der Gelmerbahn. Mit einer Steigung von hundertsechs Prozent ist sie «die steilste offene Standseilbahn Europas», erklärt Adolf von Bergen über Mikrofon.

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Auf der Vierpässefahrt ist der Chauffeur eben auch ein Reiseleiter, weiss jeden Berg und jeden Gletscher zu benennen, jede Kurve und jeden Engpass zu meistern – selbst die unvorhergesehenen: Als er zur Freude der Fahrgäste ein Stück der Route über die alte gepflasterte Grimselstrasse nimmt, steht ihm plötzlich ein kleiner Bautrupp im Weg. Die Fahrspur ist verengt, an ein Durchkommen ist nicht zu denken. Flugs verschieben die Arbeiter ihre Abschrankungen und winken Adolf von Bergen lässig durch. Der aber hat das bessere Augenmass und schüttelt den Kopf. «Das reicht nicht», sagt er bestimmt, zeigt den Männern, wie breit die Passage mindestens sein müsse, und siehe da: Auf den Zentimeter genau passt der gelbe Riese durch die neu geschaffene Gasse. Das gibt Applaus für den Chauffeur und einen Extrakaffee auf 2164 Metern über Meer.

Text: Karin Oehmigen

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Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #5 September, Oktober 2019

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Stichworte: Reportage