Wandern
Wanderglück am Wasser
Das ganze Jahr hindurch lädt die Seenlandschaft bei Nussbaumen TG zum Wandern ein. Am schönsten ist es hier im Frühling, wenn Gräser und Kräuter zu spriessen beginnen und die Obstbäume blühen.

Ein paar Schritte nur sind es von der Postautohaltestelle hinüber ins Mittelalter. Wir lassen die Strasse vor der Kartause Ittingen hinter uns, schreiten an einem stattlichen Riegelhaus vorbei über das Kopfsteinpflaster und durchqueren einen grossen Torbogen. Der Klosterhof dahinter kommt uns wie eine Oase der Beschaulichkeit und Ruhe vor.
Architektonisches Kleinod
Die weitläufige Anlage gilt als Juwel des Klosterbaus in der Schweiz. Während rund sieben Jahrhunderten lebten und arbeiteten hier Mönche des Kartäuserordens. 1848 wurde die Abtei aufgehoben, die Gebäude kamen darauf in Privatbesitz. Die Anlage beherbergt heute unter anderem ein Seminarzentrum samt Hotel und Restaurant.
Die Kartause Ittingen ist zugleich einer der grössten Landwirtschaftsbetriebe des Kantons Thurgau. Das zeigt sich uns auf eindrückliche Weise, als wir uns im Klosterladen nach einem Picknick umsehen. Wir decken uns mit knusprigem Brot, Weichkäse, geräuchertem Schinken, Spitzbuben und Äpfeln vom Hof ein. Auch Joghurt, Wein, Bier, Spirituosen und Tee aus eigener Produktion wären erhältlich, doch wir wollen ja wandern und unsere Rucksäcke nicht mit allzu vielen Köstlichkeiten überfrachten.
Ritter, Mönche und Bauern: So klar (und starr) war die Gesellschaft im Mittelalter geordnet. Die Adligen stellten den weltlichen Schutz vor feindlichen Mächten sicher, die Priester sorgten für himmlischen Beistand – und die Landleute waren für das leibliche Wohl zuständig. Den ersten Spuren dieses einfachen, aber jahrhundertelang effizient funktionierenden Systems sind wir nun bereits begegnet, weitere werden folgen, wie wir schon bei der Planung der Tour festgestellt haben: Unsere Route führt an einer Burgruine vorbei und endet in einem Weinbaugebiet.
Wir wollen heute durch das Seebachtal wandern. Die Bezeichnung mag ein wenig nach Gebirgslandschaft klingen, das führt aber in die Irre. Die Gegend im Westen des Kantons Thurgau ist vielmehr sanft gewellt. Prägend sind drei nahe beieinanderliegende Seen. An zweien davon führt unser Weg vorbei. Den kleinsten von ihnen, den Hasensee, werden wir nicht zu Gesicht bekommen, denn er liegt abseits unserer Route.

Fern vom Alltag: Wer möchte, kann in den ehemaligen Mönchsklausen der Kartause Ferien verbringen. Thomas Senf
Hier blüht der Frühling auf
Im Wald hinter dem ehemaligen Kloster steigen wir ein paar Dutzend Höhenmeter auf. Die Blattspitzen an den Bäumen sind bereits deutlich ausgetrieben – die Natur ist in Hochform. In Sachen Höhendifferenzen wars das schon. Von nun an geht es meist ebenen Wegs voran. Eine Weile noch zieht sich der Wanderweg zwischen den Bäumen dahin, dann lassen wir den Wald hinter uns. Bei den Bauernhöfen von Vorderhorben scheinen die weidenden Kühe die milde Luft, für die der Föhnwind heute sorgt, richtig zu geniessen. Eine Weile müssen wir nun auf Asphalt marschieren. Wir sehen darüber hinweg, denn die Landschaft ist prachtvoll und von einem weiten Himmel überwölbt. Wir gelangen an einem grossen Baumgarten mit jungen hochstämmigen Apfelbäumen vorbei, die eben zu blühen begonnen haben. Friedliche Stille herrscht. In der Ferne bimmelt eine Kirchenglocke. Ein Milan lässt sich in den Föhnböen treiben.

Wasser, wohin man blickt: LandLiebe-Wanderautor Andreas Staeger unterwegs am Hüttwilersee. Thomas Senf
Märchenhafter Auenwald
Nach einer weiteren Waldpassage führt uns ein breiter Kiesweg leicht absteigend in die weite Ebene des Seebachtals. Zügig schreiten wir nun gegen den Hüttwilersee zu. Vorerst etwas abseits vom Ufer schlängelt sich ein schmaler Pfad durch die offene Graslandschaft und durch Auengehölz. Nach einer Weile gelangen wir zu einem Steg, der einen kleinen Arm des Sees überwindet. Links und rechts von uns ist Wasser, überall zwitschert, summt und zirpt es. Der Frühling ist da! Wir haben auf unserer Tour einen einmalig schönen Ort erreicht.
Der Weg zieht sich jetzt durch einen wildromantischen Auenwald. Zuweilen ermöglichen Holzstücke und Bretter das Gehen an etwas erhöhter Lage. Bei höherem Wasserstand wäre hier allerdings vermutlich kein Durchkommen. Eine Tafel informiert die Wanderinnen und Wanderer denn auch darüber, dass manche Wege und Kunstbauten rutschig sein können, und weist auf eine signalisierte Umgehung hin. Weil der Boden jedoch einigermassen trocken ist, bleiben wir auf dem Waldpfad – und bereuen es nicht. Es ist eine wahre Urlandschaft, in die wir eintauchen. Mehrere Bächlein und kleine Rinnsale durchziehen sie – überall plätschert und gurgelt es.

Altes vergeht, Neues entsteht: Die Auenlandschaft am Hüttwilersee ist ein Naturparadies. Thomas Senf
Musik der Moorlandschaft
Wir Einige Bäume liegen am Boden, ein Sturmwind muss sie vor Jahren umgeworfen haben. Im Fallen haben ihre Wurzelballen tiefe Löcher in den Boden gerissen. Im Lauf der Zeit haben sich diese mit brackigem Wasser gefüllt. Solche Ecken müssen ein Paradies für Amphibien sein. Und tatsächlich hören wir aus allen Richtungen ein vielstimmiges Quaken, das zuweilen so energisch klingt, dass es uns eher wie ein lautes Meckern vorkommt.
Am Ende des Auenwalds erreichen wir wieder offenes Grasland. Auf einer markanten Kuppe entdecken wir eine grosse Ruine. Es handelt sich um die Überreste der einstigen Burg Helfenberg. Sie liegt nur einen Steinwurf von unserer Wanderroute entfernt, also schalten wir einen kleinen Umweg zu den malerischen Mauerresten ein, um dort einen aussichtsreichen Imbiss zu geniessen. Mit Fernsicht auf die schneeglänzende Gipfelkette vom Tödi bis zu den Berner Hochalpen widmen wir uns den Leckereien aus dem Klosterladen.
Vom Klima begünstigt
Nach der Rast gelangen wir zum zweiten See, der unsere Tour säumt. Der Nussbaumersee weist zwei öffentliche Badeplätze auf. Zum Schwimmen ist es um diese Jahreszeit zwar noch zu kühl. Doch immerhin hat sich am Ufer eine Familie bereits in Strandkleider gestürzt, sich für ein Picknick eingerichtet und die Grillstelle in Betrieb genommen.
Am westlichen Ende des Nussbaumersees verlassen wir den Kanton Thurgau und erreichen das Zürcher Weinland. Bei der Verzweigung Im Moos schwenken wir auf den Wanderweg ein, der in Richtung Stammheim ausgeschildert ist. Die Gegend verdankt ihren Namen den vielen Rebstöcken, die hier dank dem relativ milden und sonnigen Klima angebaut werden. Auch andere Pflanzen gedeihen hier, wie wir schon bald erkennen: Nach ein paar hundert Schritten kommen wir an einem Acker mit langen Reihen von grünen Spitzen vorbei. Auch wenn unser Picknick noch nicht übermässig lange zurückliegt, weckt das Spargelfeld unseren Appetit.
Mit Sicht zu den Weinbergen oberhalb von Stammheim nähern wir uns dem Dorf auf Feldwegen und Strässchen. Unsere Tour endet im Ortsteil Oberstammheim, der mit vielen alten Riegelbauten über ein sehr schönes Ortsbild verfügt. Eines der gut erhaltenen Gebäude ist der Gasthof Hirschen, wo wir uns nun zu einem Spargelschmaus niederlassen. Bestens gelaunt steigen wir danach ins Postauto – bei einer Haltestelle, die den zu unserer Stimmung perfekt passenden Namen Frohsinn trägt.
STECKBRIEF Kartause Ittingen TG–Stammheim ZH
Start und Ziel Von der Postautohaltestelle Kartause Ittingen (416 m) via Vorderhorben (485 m) an den Hüttwilersee (435 m) und zur Burgruine Helfenberg (450 m), dann zum Nussbaumersee (435 m) und via Im Moos (440 m) zur Postautohaltestelle Stammheim, Frohsinn (445 m) Distanz 12 km Gehzeit 3 h Höhenmeter 170 aufwärts, 140 abwärts Einkehr In der Kartause Ittingen oder in Stammheim Tipp Eine reizvolle Variante ist die Schlaufe vom Nussbaumersee via Nussbaumen durch die Rebberge nach Stammheim.
Text Andreas Staeger Fotos Thomas Senf
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #2/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.