Garten

Ein lebendiges Kunstwerk

Rund um sein Bauernhaus in Belfaux FR schuf der Künstler Jean-Marc Schwaller einen Garten als Ort der Inspiration. Er ist Ausdruck seiner Wurzeln, aber auch des Fernen Ostens, in den es ihn immer wieder gezogen hat.

Die Farben des Herbstes zeichnen den Garten: Künstler Jean-Marc Schwaller gestaltet ihn wie ein Gemälde – mit jeder Jahreszeit verändert sich das Bild.
Die Farben des Herbstes zeichnen den Garten: Künstler Jean-Marc Schwaller gestaltet ihn wie ein Gemälde – mit jeder Jahreszeit verändert sich das Bild.stefanwalter.ch
Alles ist ungewöhnlich hier. Viel Bambus, übergrosse Teiche auf mehreren Ebenen, grossformatige Kunstwerke. Und das alles rund um ein kleines Bauerngehöft am Rand des Freiburger Dorfes Belfaux. Diese Welt scheint nicht von hier zu sein. Und doch ist sie es mehr, als es auf den ersten Blick wirkt.
Es ist die Gartenwelt des Künstlers Jean-Marc Schwaller – J-Marc Schwaller, wie er sich mit Künstlernamen nennt. Sie ist Ausdruck seiner Wurzeln, der Verbundenheit mit der Erde, auf der er gross geworden ist. Und Ausdruck der Ferne, in die es ihn jeweils gezogen hat. Seit bald vierzig Jahren lebt und arbeitet Schwaller hier, gestaltet diesen Garten, der für ihn immer wie ein Gemälde war. Eines, das – im Gegensatz zu seinen Werken aus dem Atelier – nie fertig wird. Das sich über die Jahre verändert – und sowieso in jeder Jahreszeit. Ein Gemälde, das man begehen kann und das zu den verschiedenen Stationen des heute 76-Jährigen führt.
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Hier sitzen sie am liebsten: Jean-Marc und Marie Schwaller vor dem Fenster des Wintergartens. Das Wasser eines künstlich angelegten Bachs plätschert über die Steine und speist die Teiche mit Quellwasser.stefanwalter.ch
Hier sitzen sie am liebsten: Jean-Marc und Marie Schwaller vor dem Fenster des Wintergartens. Das Wasser eines künstlich angelegten Bachs plätschert über die Steine und speist die Teiche mit Quellwasser.stefanwalter.ch

Aufbruch nach Vaters Tod

Rund um Vorplatz und Hauseingang hat es ein wildes Wäldchen. Ein Sammelsurium an einheimischen Pflanzen, die Schwallers Vater, ein Landwirt, hier gepflanzt hatte. «Er wollte alle im Kanton Freiburg wachsenden Bäume auf einer Fläche vereinen», erklärt der Sohn. Über die Jahre hat sich das Wäldchen verändert, einige Arten sind verschwunden, andere grösser geworden. Schwaller greift in diesen Bereich des Gartens wenig ein, er behält ihn als Erinnerung an den Vater. Dieser ist mit 62 Jahren auf einer Bergtour am Ochsen zu Tode gestürzt. Jean-Marc Schwaller war damals 27 Jahre alt. Er erinnert sich noch immer genau an diesen Tag, der sein Leben drastisch veränderte.
Es ist der 13. August 1976. Jean-Marc Schwaller malt vom Morgen bis am Abend an einem grossen Bild. Von Beruf ist er Zeichenlehrer, im Herzen aber schon immer Künstler. An diesem Tag spürt er, dass er seinen Beruf aufgeben und seiner Berufung folgen will. Mit Marie, seiner Frau, die ihn in allem unterstützt, würden sie das schon schaffen. «Als ich am Abend erfuhr, dass Papa tot war, durchfuhr es mich wie ein Blitz», erinnert er sich. So viel Veränderung an einem Tag. «Ein starker, aufrüttelnder Moment.»
Marie und er ziehen ein paar Jahre später zurück in sein Elternhaus in Belfaux, wenige Kilometer nordwestlich der Stadt Freiburg. Schwallers Eltern hatten das Haus einst gekauft, und er ist hier zusammen mit seinen vier Geschwistern aufgewachsen. Jetzt will er seiner Mutter beistehen, und hier hat er auch die Möglichkeit, ein Atelier nach seinen Vorstellungen aufzubauen. Nebst Vaters Wald mit Freiburger Gehölzen besteht der Umschwung damals aus Wiese und einem Gemüsegarten.
Zu Jean-Marc Schwallers schönsten Kindheitserinnerungen zählt sein eigener kleiner Garten, den er auf dem grossen Bauernhof, den seine Eltern gepachtet hatten, bepflanzen durfte. Hier in Belfaux wird er nun nicht nur künstlerisch, sondern auch gärtnerisch aus dem Vollen schöpfen. Er träumt von grossen Wasserflächen, in denen sich der Himmel spiegelt. «Wasserreflexionen faszinieren und inspirieren mich», sagt er. Er baut ein Wasserbecken aus Beton und zwei weitere, natürliche Teiche, die von einer Wasserquelle gespiesen werden.
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Der Wunsch, diese japanische Brücke zu bauen, entstand nicht in Fernost, sondern in der Normandie – bei einem Besuch im Garten des französischen Malers Claude Monet in Giverny.stefanwalter.ch
Der Wunsch, diese japanische Brücke zu bauen, entstand nicht in Fernost, sondern in der Normandie – bei einem Besuch im Garten des französischen Malers Claude Monet in Giverny.stefanwalter.ch

Bambusse von Toni Grieb

Nachdem sich Schwaller vom Korsett des geregelten Berufslebens befreit hat, lässt er sich ganz auf die Kraft seiner Kunst ein. Inspiration findet er auf Reisen in Asien, in erster Linie in China, aber auch in Japan oder Sri Lanka. Auf unerklärliche Weise fühlt er sich vor allem mit der chinesischen Kultur verbunden. Auf seinen Reisen besucht er Museen und Gärten, setzt sich mit der Gartenkunst auseinander, der Art und Weise, wie in den jeweiligen Ländern Gärten gestaltet werden – mit Räumen, Pflanzen, Wegen, Ornamenten.
Daheim fliessen diese Eindrücke in seinen Garten ein. Zu den Wasserflächen will er Bambus setzen. Eine Pflanze, deren Eigenheiten Schwaller beeindrucken. Die Kraft, mit der die Knospen den Boden durchstechen und in die Höhe schiessen. Ein Meter Wachstum pro Tag! Oder die verschiedenen Farben der Triebe und Blätter. Vor fast vierzig Jahren sind Bambusse in Schweizer Gärten noch selten – Jungpflanzen zu finden ist nicht einfach. Jean-Marc Schwaller fragt seinen einstigen Zeichenlehrer, den im Waadtland lebenden Künstler und Botaniker Toni Grieb, der in seinem Garten viele, zum Teil seltene Bambusarten gepflanzt hatte. Grieb willigt ein, dass sein ehemaliger Schüler Rhizome von einem seiner Bambusse aussticht. Schwaller kommt mit einem Spaten, einem Sack Erde und einer Flasche Wein. Mit der Erde will er das durch das Aushacken entstehende Loch wieder auffüllen. Grieb ist ob dieser höflichen Geste so gerührt, dass er mit Schwaller seine ganze Bambussammlung teilt. «In den darauffolgenden Jahren durfte ich nach und nach weitere Bambusse holen», erzählt Schwaller, der sich noch immer über die Grosszügigkeit des mittlerweile verstorbenen Toni Grieb freut. Dreissig Bambusarten finden den Weg nach Belfaux: grüne, gelbe, schwarze, dicke, dünne, horstbildende, wuchernde.
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Garten und Kunst im Zwiegespräch: Mitten im Bambuswäldchen überrascht Schwallers Gemälde «Don Giovanni».stefanwalter.ch
Garten und Kunst im Zwiegespräch: Mitten im Bambuswäldchen überrascht Schwallers Gemälde «Don Giovanni».stefanwalter.ch

Disziplin für die Wucherer

Mit den Bambussen schirmt er seine Gartenwelt gegen die viel befahrene Kantonsstrasse auf der einen und die Eisenbahnlinie auf der anderen Seite ab. Bald schon breiten sie sich aus und bilden ein Wäldchen, durch das er einen schmalen Pfad anlegt. Beschreitet man diesen, trifft man auf riesige Gemälde Schwallers in Öl auf Aluminium. Sie heissen «Don Giovanni», «Venedig am Wasser» oder «Der Sturz des Engels».
Damit die Bambusse nicht den ganzen Garten erobern, muss Schwaller sie disziplinieren. «In einem grossen Garten ist das sehr gut möglich», erklärt er. Rhizomsperren hat er keine auf dem 3600 Quadratmeter grossen Grundstück, sie würden den Bambus nur herausfordern, ständig dagegen anzukämpfen. Irgendwann würde dieser es schaffen darüberzuklettern. Schwaller verschafft dem Bambus stattdessen Platz, schneidet Abgestorbenes und Junges heraus und zieht um die Bambusflächen einen kleinen Graben, damit er Ausläufer rasch erkennt und abstechen kann. «Auf diese Weise blieb der Bambus bei uns immer schön an seinem Platz.»
Auf die Bambusphase folgte die Phase des Japanischen Ahorns. Mit diesem Gehölz, das sich im Spätsommer leuchtend rot verfärbt, gestaltet Schwaller das Herbstkleid des Gartens. Die Farben, aber auch die filigranen fächerartigen Blätter, mal gezahnt, mal gesägt – die ganze Vielfalt dieser Pflanzengattung begeistert den Künstler. «Und nach der Ahornphase kam die Hortensienphase», erinnert er sich und lacht. «Die Hortensie bringt im Sommer Farbe. Und es gibt einige, die wirklich speziell sind, zum Beispiel die Samt-Hortensie.»
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Ganz in Weiss: In Jean-Marc Schwallers penibel aufgeräumtem Atelier hält der Garten in Form seiner Werke Einzug.stefanwalter.ch
Ganz in Weiss: In Jean-Marc Schwallers penibel aufgeräumtem Atelier hält der Garten in Form seiner Werke Einzug.stefanwalter.ch

Fast wie Meditation

Marie Schwaller lässt ihrem Mann freie Hand bei der Gestaltung. «Ich vertraute ihm vollkommen, ich wusste, dass es schön würde», sagt Marie, die selber aus einer Gärtnerfamilie stammt und die Freude am Gärtnern ebenfalls seit der Kindheit in sich trägt. «Die Arbeit im Garten ist ein Vergnügen, manchmal fast wie Meditation.» Während Jean-Marc von sich sagt, er sei der Frühlingstyp und er ziehe sich im Herbst lieber in sein Atelier zurück, spielt es für Marie keine Rolle, welche Jahreszeit gerade ist. Jetzt, im Herbst, schätzt sie die Farben und die Ernte, die von Bäumen und Beeten zu holen ist. Sie kümmert sich vorwiegend um den grossen Gemüsegarten, der noch immer besteht – wenn er auch an die Seite des Hauses verlegt wurde. In einem Gewächshaus ziehen Schwallers einen Grossteil der Setzlinge selber. So können sie sich den ganzen Sommer über mit Gemüse und Früchten selber versorgen.
Der Gemüsegarten war für die Familie auch wichtig, als sich Jean-Marc Schwaller als Künstler selbstständig machte. «Vor allem als unsere Kinder noch klein waren, war es finanziell nicht immer einfach», erinnert sich Marie, «da waren wir froh um den Garten.» Immer mehr zeigte sich jedoch, dass die beiden auf die richtige Karte gesetzt hatten. Schwallers Werke, die mal in Aquarell oder in Öl entstehen, mal eher gegenständlich und mal eher abstrakt sind, fanden Anklang. Seit nunmehr fünfundvierzig Jahren leben Schwallers ausschliesslich von der Kunst.
In dieser Zeit wurde der Garten für Jean-Marc Schwaller Schritt für Schritt zu einer der wichtigsten Inspirationsquellen. Ab 2003 arbeitete er an einer Reihe von Werken, die alle mit dem Garten in Verbindung stehen und die er später «Jardin d’eau» nennt. Wie viele andere Künstler (siehe Seite 30) findet Schwaller die schönsten Sujets für seine Bilder direkt vor der Haustür. So wie etwa der französische Maler Claude Monet, der über zweihundertfünfzig Bilder in seinem Garten in Giverny in der Normandie malte und den Jean-Marc Schwaller ebenfalls besuchte. Als Erinnerung daran hat er über den untersten seiner Teiche eine Holzbrücke im japanischen Stil gebaut, ähnlich der, die er in Giverny gesehen hatte.
Über diese gelangt man zu riesigen Gemälden, wenn man dem Pfad durch den Bambuswald folgt. Und ein paar Schritte weiter steht eine der wenigen Skulpturen Schwallers: «Ikarus nach seinem Fall». Mit Ikarus, der in der griechischen Mythologie mit selbst gebastelten Wachsflügeln aus der Gefangenschaft fliehen wollte, dabei aber den Rat seines Vaters missachtete, nicht zu nahe an die Sonne zu fliegen, woraufhin die Flügel schmolzen und er abstürzte – mit dieser Figur beschäftigte sich Schwaller in seiner künstlerischen Arbeit zuerst auf der Leinwand, später mit der Skulptur. «Ikarus» ist nicht die einzige Plastik im Garten, auch von anderen Künstlern sind Werke vertreten. Von Bildhauer Claude Magnin stammt «Körper», der aus Metall die Umrisse eines Menschen darstellt und mit Wasser gefüllt am Boden liegt. Eine Bronzeskulptur des Neuenburger Künstlers Marcel Mathys ist ebenfalls vertreten. Die Kunst und der Garten – sie gehören hier einfach zusammen.

Die Bergliebe des Malers

Der Pfad führt nun weiter an der Seite des Hauses vorbei zum Gemüsegarten und über eine Treppe auf eine Terrasse im ersten Stock. Von hier oben sieht man über die hohen Bambusse hinweg bis in die Freiburger Voralpen. Sein Vater habe das Haus einst gekauft, weil er von ebendieser Terrasse in die Berge sehen konnte, in denen er so gerne unterwegs war, erzählt Schwaller. «Ich liebe die Berge auch», sagt er, «aber nur wegen der Malerei.» Die Berge sind ein weiterer Schwerpunkt in seinem Schaffen. Das schönste Kompliment, das er jemals für seine Bergmalereien erhalten hat, stammt vom Freiburger Höhenbergsteiger Erhard Loretan, der alle vierzehn Achttausender bezwang. «Er stand vor meinen Bildern und sagte, es sei das erste Mal, dass er den Schwindel spüre, den die Berge auslösen können», erzählt Schwaller.
Er selber sucht dieses Schwindelgefühl nur bei Bildern. Die Berge in der Ferne und der Garten in der Nähe – für Jean-Marc Schwallers Kunst die perfekte Kombination. Und von nirgendwoher sonst sind die beiden Welten, in denen er zu Hause ist, so gut sichtbar wie von der Terrasse aus. Der Garten mit seiner ganzen Exotik und der Extravaganz, umgeben von der lieblichen Schweizer Kulturlandschaft mit ihren Wäldern, Feldern, Dörfern. Ein Gegensatz, dem viel Kreatives entspringt.
Text Sarah Fasolin Fotos Stefan Walter
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #7/2025. Hier finden Sie die Ausgabe als E-Paper.