Garten

Mein Freund, der Baum

Auf dem Archehof von Urs und Barbara Amrein in Hildisrieden LU gedeihen Hunderte von Hochstammobstbäumen. Auch dank Gotten und Göttis, die ihre Patenschaften übernehmen – und so die Natur neu entdecken.

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Ein Stück Himmel auf Erden: Die Hochstammobstbäume auf dem Archehof hoch über dem Sempachersee in schönster Blüte. Rechts grenzt das ­landwirtschaftliche Grundstück an den Golfplatz Sempach. LandLiebe
Bäume berühren etwas Ursprüngliches in uns. Sie stehen für Verwurzelung, Wachstum, Beständigkeit, aber auch für Aufbruch – und im Fall von Obstbäumen für das Geschenk der Ernte, Fülle und Nahrung. Wer einen Baum besitzt, wird Teil eines natürlichen Kreislaufs und erlebt das ganze Jahr das stille Werden und Vergehen. Jeder zarte Austrieb im Frühling, jede süsse Frucht im Sommer, jedes farbige Blatt im Herbst, jedes kahle Ästchen im Winter erzählt vom Leben – und von der Magie, die entsteht, wenn Mensch und Natur in Beziehung treten.
Urs, 53, und Barbara Amrein, 50, machen diese Faszination erlebbar. Auf ihrem Bauernhof in Hildisrieden LU hoch über dem Sempachersee wachsen sechshundertfünfzig Hochstammbäume – mehr als fünfhundert davon können Patinnen und Paten als «Baumhüter auf Zeit» übernehmen. «Durch eine Baumpatenschaft entwickeln die Göttis und Gotten ein Gefühl von Zugehörigkeit», sagt Urs Amrein. «Für sie ist es ein bisschen wie: Das ist mein Baum› – ja, sogar ein wenig ‹mein Bauernhof›», fügt der Landwirt an. Das schaffe Identität und Identifikation und wecke das Gefühl der Mitverantwortung und Wertschätzung für die Natur und die Landwirtschaft.
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Erntesegen: Während die Erwachsenen – Urs Amrein (links) sowie Trudy und Franz ­Helfenstein – die süssen ­Kirschen aus dem dichten Blattwerk pflücken, freuen sich die Kinder Lea (links) und ­Andrea auf die ersten Kostproben.LandLiebe
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Erntesegen: Während die Erwachsenen – Urs Amrein (links) sowie Trudy und Franz ­Helfenstein – die süssen ­Kirschen aus dem dichten Blattwerk pflücken, freuen sich die Kinder Lea (links) und ­Andrea auf die ersten Kostproben.LandLiebe

Süsse Früchte – direkt vom Baum

Ein strahlender Junimorgen: Vögel zwitschern, Baumkronen wiegen sich sanft im lauen Frühsommerwind. An einigen Bäumen stehen lange Leitern, im dichten Blattwerk leuchten kleine, bunte Früchte. Die ersten Kirschen sind reif und warten nur darauf, gepflückt zu werden! An diesem schönen Tag machen sich Trudy, 66, und Franz Helfenstein, 74, mit ihren Enkelinnen Lea, 7, und Andrea, 4, früh auf den Weg, um auf dem Hof der Amreins die ersten süssen Chriesi zu ernten. Und natürlich auch gleich zu essen – direkt vom Baum schmecken sie bekanntlich am besten.
Seit Urs und Barbara Amrein vor über zwanzig Jahren ihr Baumpatenschaftsprojekt ins Leben gerufen haben, sind Trudy und Franz Helfenstein Teil davon – quasi als Gotte und Götti der ersten Stunde. Sie haben vier Patenbäume: zwei Kirschen-, einen Zwetschgen- und einen Birnbaum. «Wir lieben es, in die Natur hinauszugehen, dort aktiv zu sein und etwas zu tun», sagt Trudy Helfen-stein, die darüber hinaus eine grosse Leidenschaft für Früchte hat: Als gelernter Koch verarbeitet sie das geerntete Obst mit Begeisterung zu Konfitüren, Kompott, Quark und Kuchen oder macht es haltbar, um das ganze Jahr köstliche Desserts wie Chriesi-Coupes zu zaubern. Ihr Mann betont: «Ihre Kirschjoghurttorte ist ohne Vergleich.»
Trudy und Franz Helfenstein stammen wie die Amreins aus Hildisrieden, einem Dorf auf einem Hügelzug zwischen Sempacher- und Baldeggersee im Luzerner Mittelland. Hier führten sie während Jahrzehnten ihre eigene Autogarage, vor neun Jahren übergaben sie diese an ihre Söhne, arbeiten im Betrieb aber weiterhin mit. Nun stehen die beiden gut gelaunt hoch oben auf den Leitern, den Chriesichratten um den Bauch gebunden. Geschickt gleiten ihre Finger entlang der Zweige, zupfen die reifen Kirschen mit Stielen ab und legen sie behutsam ins Körbchen. Während-dessen sammeln die beiden Mädchen Früchte von Ästen ab, die Urs Amrein zuvor ganz oben in der unerreichbaren Krone geschnitten hat und die nun auf dem Boden liegen. Diesen Service kann er den Baumpaten dank einer hydraulischen Hebebühne bieten. Auch Leitern stellt er zur Verfügung, diese müssen die Gotten und Göttis aber selbstständig zu den Bäumen bringen und anstellen.
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«Chom mier wei go Chrieseli günne, weiss amne Ort gar grüseli vil»: Die Chratten quellen über vor Kirschen – Trudy Helfenstein verarbeitet die Ernte später zu ­Konfis und Desserts.LandLiebe
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«Chom mier wei go Chrieseli günne, weiss amne Ort gar grüseli vil»: Die Chratten quellen über vor Kirschen – Trudy Helfenstein verarbeitet die Ernte später zu ­Konfis und Desserts.LandLiebe

Nischen suchen – und finden

Der Hochstammgarten der Amreins umfasst sieben Hektaren – Land, das Urs Amreins Grossvater 1936 erworben und jahrzehntelang selbst bewirtschaftet hat. Obstbau hatte hier von Anfang an seinen Platz, allerdings diente er vor allem der Selbstversorgung. «Was übrig blieb, wurde im Herbst gemostet – das war jeweils ein schöner Familienanlass», erinnert sich der Enkel.
Heute reicht ein bäuerlicher Kleinbetrieb dieser Grösse kaum mehr aus, um ihn wirtschaftlich zu betreiben, etwa mit klassischer Milchwirtschaft oder Ackerbau. Es braucht deshalb kreative Konzepte mit tragfähigen Nischen, um einen Hof zukunftsfähig zu machen.
An Innovationsgeist mangelt es Urs und Barbara Amrein nicht. Sie haben ein Betriebskonzept entwickelt, das traditionelle Hochstammobstgärten mit ökologisch wertvollen Flächen verbindet. Naturwiesen, Hecken, krautige Säume mit einer Vielfalt an Gräsern, einheimische Gehölze und durchdachte Kleinstrukturen bieten Lebensraum für Insekten, Vögel, Reptilien und andere Kleinlebewesen. Daneben halten sie alte Schweizer Nutztierrassen wie Rätisches Grauvieh, Bündner Strahlenziegen, Diepholzer Gänse, Appenzeller Spitzhaubenhühner, Fehkaninchen und Dunkle Bienen und sind damit ein sogenannter Archehof. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Pro Specie Rara steht auf solchen Höfen das Engagement für den Erhalt der genetischen Vielfalt gefährdeter Nutztierrassen und Kulturpflanzen im Zentrum.
Neben direktzahlungsberechtigten Hochstammkulturen und Biodiversität sowie dem Engagement für alte Rassen schaffen die Amreins auch Raum für Erlebnisse. Der Archehof ist ein Besucherhof, der Gästen offensteht und jederzeit besucht werden kann. Ein Baumhaus und ein Tipi ermöglichen eine Bewirtung mitten in der schönen Obstgartenlandschaft, und in der umgebauten Schür finden Degustationsanlässe von Hochstammprodukten und hauseigenen Obstbränden statt. Auf einem beschilderten Rundweg haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, Tiere, Pflanzen und Lebensräume zu entdecken und vieles über die Natur zu lernen. Und im Hofladen gibt es neben Fleisch vom Hof und Selbstgemachtem auch Produkte des regionalen Labels «Hochstamm Seetal» zu kaufen, das die Amreins seit 2024 operativ führen.
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Hoch oben in der Natur ist man schneller geerdet: Das Baumhaus bietet einen einzigartigen Rahmen für Seminare. Es lädt aber auch zum Festen ein.LandLiebe
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Hoch oben in der Natur ist man schneller geerdet: Das Baumhaus bietet einen einzigartigen Rahmen für Seminare. Es lädt aber auch zum Festen ein.LandLiebe

Ein Gewinn für alle

Herzstück des Betriebs sind jedoch die Baumpatenschaften – ein Standbein, das Ideologie, kulturelles Erbe und wirtschaftliches Denken geschickt vereint. Baumpatenschaftsangebote gibt es auch andernorts in der Schweiz, oft sind das aber einmalige Anschubhilfen zur Finanzierung von Pflanzungen. In Hildisrieden hingegen wurde ein nachhaltiges Win-win-Modell geschaffen.
Wer Gotte oder Götti eines oder mehrerer Hochstammobstbäume werden möchte, bezahlt 110 Franken pro Baum im Jahr oder 450 Franken für fünf Jahre. Im Gegenzug übernehmen Urs Amrein und sein Team die Pflege der über fünfhundert Patenbäume: Sie schneiden sie, schützen sie mit Vliesen, Pfählen und zum Teil mit Elektrozäunen vor dem auf den Wiesen weidenden Grauvieh, sorgen für den Pflanzenschutz vor Pilz- und anderen Krankheiten sowie für Ersatz abgestorbener Bäume. Auch gibt es zweimal pro Jahr einen Hofanlass für Gotten, Göttis und deren Familien. Zudem wird bei jedem Baum ein Täfelchen mit Fruchtsorte und Name der Patin oder des Paten angebracht. Diese wiederum dürfen im Sommerhalbjahr alle Früchte «ihres» Baums – und unter bestimmten Bedingungen auch die anderer Patenbäume – ernten: Kirschen, Zwetschgen, Pflaumen, Mirabellen, Äpfel, Birnen. Eine runde Sache für alle Beteiligten.
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Stärkung muss sein: Trudy und Franz Helfenstein geniessen mit Lea (rechts) und Andrea ein währschaftes Picknick. Wer den ganzen Morgen süsse Kirschen isst, freut sich über etwas Salziges.LandLiebe
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Stärkung muss sein: Trudy und Franz Helfenstein geniessen mit Lea (rechts) und Andrea ein währschaftes Picknick. Wer den ganzen Morgen süsse Kirschen isst, freut sich über etwas Salziges.LandLiebe

Möglichst jede Frucht nutzen

Die Idee der Hochstammbaumpatenschaften wurzelt in Tradition, die Umsetzung auf dem Archehof ist aber überraschend modern. Die Besitzer setzen auf eine vollständig digitalisierte Lösung und betreiben einen beachtlichen Aufwand dafür. Jeder der gut fünfhundert Patenbäume wird am Computer erfasst, kartiert und gekennzeichnet, alle Daten sind auf der Hof-Webseite ersichtlich.
Die Patinnen und Paten, die sowohl aus urbanen als auch ländlichen Regionen der ganzen Schweiz stammen und alle Altersklassen und Berufsgruppen repräsentieren, erhalten von einer Mitarbeiterin des Archehofs regelmässig Newsletter und vor der Ernte zudem eine Nachricht mit einer Ernteschätzung. Darin wird mitgeteilt, wie viele Kilo Kirschen, Zwetschgen, Birnen oder Äpfel ungefähr an «ihren» Bäumen hängen und wann mit der Ernte zu rechnen
ist. Wer seine Früchte selbst pflücken möchte – das sind achtzig bis neunzig Prozent aller Patinnen und Paten –, kann sich dann gezielt auf den Weg machen. Die anderen geben den Baum frei für andere Gotten und Göttis. Und wer nicht die gesamte Erntemenge braucht, stellt den Rest ebenfalls zur Verfügung. So wird möglichst jede Frucht genutzt, das System bleibt transparent und fair für alle. Der administrative Aufwand ist allerdings gross – «beinahe die Hälfte der gesamten Baumpatenschaftsarbeit ist Büroarbeit», betont Urs Amrein und ergänzt, dass zwar mehrere Patinnen und Paten seit Anfang an dabei seien, es aber auch immer wieder Wechsel gäbe – im Durchschnitt alle drei bis fünf Jahre.
Text Corinne Schlatter Fotos Franca Pedrazzetti
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #3/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.