In einem kleinen Weiler oberhalb von Fully VS geht Nicolas Trombert jeden Tag auf Reisen, ohne sein Grundstück zu verlassen. Pflanzen aus fernen Ländern helfen ihm dabei.
Atemberaubende Sicht auf Rhonetal und Walliser Alpen: Nicolas Tromberts kleines Haus im beschaulichen Weiler Tassonières liegt harmonisch eingebettet in einer üppigen exotischen Flora.Annette Lepple
Steil führt die Strasse durch Wälder den Berg hinauf in die Reben. Ein kurioses Schild warnt vor Erdrutsch- und Lawinengefahr. Zum Glück liegt Tassonières VS ausserhalb der roten Zone. An diesem prächtigen Septembermorgen rücken Gefahren jedweder Art aber sowieso in weite Ferne. Man möchte nur das für die Jahreszeit so typische magische Licht und den Frieden geniessen. Steht überdies ein Besuch im «Jardin de Zurli» an, ist das Glück perfekt. Nicolas Tromberts grünes Reich ist schon von Weitem zu erkennen: Hauswurze, Kakteen und andere Sukkulenten schauen vorwitzig aus den Fugen der hohen Trockensteinmauer, Palmwedel und Bananenblätter wiegen sich in der leichten Brise. Überall stehen und hängen Pflanzen in Töpfen, darunter ein eindrücklicher Geweihfarn Platycerium bifurcatum, der sich in seinem Sommerquartier – einem Hängekorb in der Krone einer Linde – sichtlich wohlfühlt. Nein, wir befinden uns keineswegs in den Tropen, sondern in den Walliser Alpen.
Wie bei vielen garten- und pflanzenaffinen Menschen wurde auch bei Nicolas der Grundstein für die Liebe zu allem Grünen in der Kindheit gelegt. Geboren und aufgewachsen im Chablais im Kanton Wallis, verbrachte er viel Zeit bei seinen Grosseltern in Champéry und Tassonières, wo er sich schon früh für Wildpflanzen interessierte und die ersten Blumen seines Lebens – Vergissmeinnicht – selbst aus Samen zog. Die Grossmutter öffnete ihm die Augen für die Schönheit der Blumen und die Wunder der Natur.
Nach der Schule begann Nicolas in Monthey VS eine Lehre als Gärtner. Im Rahmen seiner Ausbildung sah er in einem Park zum ersten Mal Palmen – eine Begegnung mit Folgen. Inspiriert von ihrem ausgefallenen Äusseren, entwickelte er eine Passion für seltene exotische Pflanzen, die bis heute anhält. «Sie gestatten einem, zu reisen, ohne dass man den Garten verlassen muss», sagt der junge Mann mit dem grünen Daumen mit einem Augenzwinkern. «Manche haben einen aussergewöhnlichen Duft, die Vielfalt an Blatt- und Blütenformen sucht ihresgleichen.» Nach Abschluss der Lehre arbeitete er in verschiedenen Etablissements, unter anderem in einer Orchideengärtnerei.
Als sich vor acht Jahren die Gelegenheit ergab, das Geburtshaus der Grossmutter in Tassonières zu übernehmen, öffnete sich ein neues, spannendes Kapitel für Nicolas. Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten zog er in das kleine Häuschen im Rebberg und gab gleichzeitig seiner beruflichen Laufbahn eine neue Wende. Er arbeitet seither als Florist in Fully, die Tätigkeit liegt ihm sehr. Er liebt die Kreativität und das Arbeiten mit Blumen; genauso wertvoll sind ihm aber auch der Kontakt und der Umgang mit den Kundinnen und Kunden, die man oft vom Anfang bis zum Ende – von Geburten über Hochzeiten bis zu Beerdigungen – begleitet.
Nicolas Trombert hält sich am liebsten in seinem grünen Wohnzimmer auf: Der professionelle Gärtner und Florist zählt zu den glücklichen Menschen, bei denen Beruf und Berufung miteinander verschmelzen.Annette Lepple
Nicolas Trombert hält sich am liebsten in seinem grünen Wohnzimmer auf: Der professionelle Gärtner und Florist zählt zu den glücklichen Menschen, bei denen Beruf und Berufung miteinander verschmelzen.Annette Lepple
Tropisches Ambiente
Der aus zehn Häusern bestehende Weiler Tassonières liegt am Südhang auf 707 Metern über Meer und nur einen Steinwurf entfernt vom Combe d’Enfer, einem Weinberg an einem der wärmsten Orte im Wallis. Nicht von ungefähr ist Fully für seinen Kastanienwald und sein Kastanienfest – die «Fête de la Châtaigne» – bekannt. Die vielen Felsen speichern tagsüber die Wärme der Sonne und geben sie über Nacht an ihre Umgebung ab. So ist das Klima im Winter hier viel milder als im Talgrund, auch wenn das Thermometer mal kurzzeitig auf minus zwölf Grad fällt. Ideale Voraussetzungen für die Verwirklichung eines exotischen Gartens, des Traums von Trombert.
Im nur hundert Quadratmeter grossen Umschwung rund ums Haus tummeln sich Pflanzen aus allen Teilen der Welt. Bei der Auswahl achtet Nicolas Trombert darauf, dass sie mit den harschen Bedingungen vor Ort – Hitze, Trockenheit und ein karger Boden – zurechtkommen. So ist es nicht verwunderlich, dass hier besonders viele Gebirgs- und Wüstenbewohner gedeihen. «Ich wässere von Hand und nur am Anfang, danach so wenig wie möglich», erklärt der Fachmann, der seine ganze Freizeit im Garten verbringt.
Oberhalb des Hauses führt ein schmaler Pfad durch dichte dschungelartige Vegetation. Das graugrüne, stachelige Blattwerk von Aloe marlothii, einer stattlichen Sukkulente aus Südafrika, kontrastiert mit den feinen Halmen der Palmlilie Yucca rostrata aus Nordmexiko. Die beiden sind am Walliser Südhang sichtlich in ihrem Element. Über die Nähe zum Wasserhahn freut sich die Japanische Faserbanane Musa basjoo mit ihren paddelartigen, frischgrünen Blättern. Daneben greift der graulaubige Schmetterlingsstrauch Buddleja davidii «Silver Anniversary» das Farbenspiel seiner Nachbarn auf. Aus Südamerika stammt die Geleepalme Butia capitata mit ihren apart gefiederten Wedeln. Ihr deutscher Name rührt von den nach Pflaumen und Pfirsichen schmeckenden Früchten her, die in ihrer Heimat zu Gelee verarbeitet werden. Eine echte Liebhaberpflanze ist die gelbe Amicie Amicia zygomeris, eine verholzende Staude aus den Anden mit herzförmigen Blättern und Erbsenblüten. Daneben reckt Manihot grahamii seine grazilen Triebe mit gelapptem Laub gen Himmel. Die dekorativen fingerförmigen Blätter des Wolfsmilchgewächses ähneln denen der Schefflera. Je nachdem, wie weit sie im Winter zurückfriert, kann sie innerhalb weniger Wochen eine Höhe von bis zu dreieinhalb Metern erreichen.
Ein ebenso exotischer Hingucker ist der Paradiesvogelstrauch Caesalpinia gilliesii mit seinem filigran gefiederten Laub und den gelben Blütentrauben, die an eine Vulkaneruption erinnern. Da sich Feigenkakteen Opuntia/Cylindropuntia am Wegrand tummeln, ist man gut beraten, beim Weitergehen auf den Boden zu schauen. Sie bilden nach der Blüte essbare, meist stachelige Früchte. Willkommene rote Akzente im Blätterwald setzen die Blüten von Strauchsalbei Salvia microphylla und Hesperaloe parviflora.
Hohe Wildkräuter und Gräser sorgen bei der Bepflanzung für einen wilden Charakter und schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion. Diese charmante «Unordnung» fördert gleichzeitig die Artenvielfalt, weil darin Insekten, Reptilien, Vögel und Kleinstsäugetiere Unterschlupf und Nahrung finden. Durch das Zirpen der Zikaden wähnt man sich in Nicolas Tromberts Dschungel in südlichen Gefilden. An die zehn Arten hat er bereits identifiziert.
Der aus Südamerika stammende Paradiesvogelstrauch Caesalpinia gilliesii macht seinem Namen alle Ehre. Die exotischen Blüten öffnen sich vom Sommer bis in den Herbst.Annette Lepple
Der aus Südamerika stammende Paradiesvogelstrauch Caesalpinia gilliesii macht seinem Namen alle Ehre. Die exotischen Blüten öffnen sich vom Sommer bis in den Herbst.Annette Lepple
Wenn Träumen Flügel wachsen
Alle Pflanzenfreaks kennen das Problem: Nur zu schnell ist der vorhandene Platz ausgeschöpft, die Beete platzen aus allen Nähten. So war es eine glückliche Fügung, als vor vier Jahren ein zweitausendfünfhundert Quadratmeter grosser Weinberg in der Nähe des Hauses zum Verkauf angeboten wurde. Nicolas zögerte nicht lange und ist seither damit beschäftigt, seinen Traum dort weiter zu verwirklichen. Über viele Monate entfernte er die Rebstöcke in mühsamer Handarbeit. Viele seiner Pflanzen vermehrt er über Samen und Stecklinge selbst, und er hat mit seinem Nachwuchs nicht nur den Keller, sondern mittlerweile auch einen Teil der Wohnung in Beschlag genommen. Sein Partner siehts mit Humor. Er wirkt selbst zwar nicht an der Gestaltung des Gartens mit, schätzt aber die Lebensqualität, umgeben von so viel Schönheit.
Obwohl der neue Teil erst im Entstehen ist, hat er schon heute eine besondere Ausstrahlung. Der Anblick der Yuccas inmitten von Wildblumen wie der Kokardenblume Gaillardia, der Königskerze Verbascum und des Wermuts Artemisia vor dem dramatischen Bergpanorama versetzt die Besucher unvermittelt in fremde Gefilde.
Wie sagte bereits Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) so treffend? «Weit und schön ist die Welt, doch o wie dank ich dem Himmel, dass ein Gärtchen, beschränkt, zierlich, mein eigen gehört. Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt.» Ehre mag Nicolas Trombert kaum suchen, aber sein Glück hat er gefunden.
Text und Fotos Annette Lepple
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #6/2025. Hier finden Sie die Ausgabe als E-Paper.