Gärten sind Orte des Nutzens, der Zierde und der Erinnerung. Caroline Landolt aus Küsnacht bei Zürich wollte einst allem gerecht werden. Bis sie erkannte: Manchmal braucht es einfach einen Neuanfang.
Ein Kiesweg führt vom kleinen Ziergarten in den grösseren, dahinter liegenden Gartenbereich. Die Wege und Beete sind bis heute mit den ursprünglichen formwilden Kalksteinen eingefasst. Nadja Athanasiou
Es ist nicht leicht, in einem Garten mit langer Geschichte neu anzufangen. Ein Garten, in dem man als Kind viel Zeit verbracht hat, wo noch immer die gleichen Schildkröten leben, im Herbst an der Hauswand die Trauben reifen und die Birnen am Spalier. Wo Steine und Pflanzen, Mäuerchen und Nischen von früher erzählen, von der unbeschwerten Kindheit. Ein Ort voller Erinnerungen und Geborgenheit, hier zwischen Grossmutters Lupinen, Rittersporn und Dahlien hat Caroline Landolt mit ihren Puppen gespielt.
Und dann, Jahre später, stand sie vor dem Garten und vor dieser Frage: Was soll daraus werden? Aus Grossmutters Reich, das in den Ferien und bei Besuchen immer auch ihres gewesen ist? Die heute 58-Jährige war nicht die Erste, die sich an diesem Ort diese Frage stellte. Denn die «Felsenegg», ein stattliches Haus am Eingang zum Küsnachter Tobel, hat schon viele Menschen beherbergt. Es wurde im sechzehnten Jahrhundert gebaut – mit Mauern, die im Keller teils über einen Meter dick sind. Hier lebte auch der Müller, der in der rund hundert Meter entfernten Mühle das Korn mahlte und in der «Felsenegg» – so wird vermutet – das Öl presste. Viele Familien folgten, oft waren es mehrere gleichzeitig, die im Verlauf der Jahrhunderte in diesem Haus gelebt haben. Vor siebzehn Jahren übernahm Caroline Landolt mit ihrem Mann die «Felsenegg», die ihren Namen dem grossen Mergelfelsen verdankt, auf dem sie steht.
«Ich wollte Haus und Umgebung gerecht werden», erzählt Caroline Landolt. Das seit fünfzig Jahren nicht mehr sanierte Haus hatte Veränderungen nötig. Und im Garten hatten sich die Eschen ausgebreitet – auch hier brauchte es frischen Wind. Aber welchen?
Seit dem sechzehnten Jahrhundert am Eingangdes Küsnachter Tobels: Die «Felsenegg» verdankt ihren Namen den Mergelfelsen, auf denen sie steht.Nadja Athanasiou
Seit dem sechzehnten Jahrhundert am Eingangdes Küsnachter Tobels: Die «Felsenegg» verdankt ihren Namen den Mergelfelsen, auf denen sie steht.Nadja Athanasiou
Verliebt in die Unscheinbaren
Sansibar kommt um die Ecke gehumpelt. Der schwarze Kater mit dem lahmen Vorderbein lebt schon lange hier, er hat Caroline Landolts Onkel gehört. Ein kurzes Miauen, als wolle er die Gäste begrüssen, dann legt er sich auf den sonnenwarmen Kiesplatz. Es ist ein Nachmittag im Frühsommer. An der Hausfassade blüht die ‘Ghislaine de Féligonde’, eine apricotfarbene Kletterrose, über dem Eingang die ‘Alexandre Girault’ mit ihren grossen kirschroten Blüten. Die Rosen – sie gehören zu den Hauptdarstellerinnen und sind Teil des Neuanfangs in diesem Garten. Die Gartenbesitzerin liebt sie. Aber nicht nur diejenigen, die sich mit ihrer Blütenpracht in Szene setzen und mit ihrem Parfum betören. Auch die eher unscheinbaren Wildrosen sind hier überall anzutreffen.
Der Garten ist zu einem stimmigen Ganzen geworden. Den Weg wollte -Caroline Landolt damals aber nicht -alleine gehen. «Ich bin gerne kreativ, male, töpfere – aber wie ich mich im Garten würde ausdrücken können, wusste ich am Anfang nicht», sagt sie. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie erst auf einem Balkon gegärtnert, und bei ihrer Arbeit, früher im Gesundheitswesen und heute im Immobilienbereich, war und ist sie auch mehr drinnen als draussen. Aufs Geratewohl im Garten ein wenig ausprobieren wollte sie nicht. Sie holte sich Rat bei einer renommierten Zürcher Gartenhistorikerin, die sie dabei unterstützte, Altes und Neues stimmig zusammenfinden zu lassen.
Idylle unter dem Apfelbaum: Hier finden Wildstauden wie Wiesensalbei, Wiesenmargerite und Kartäusernelke neben Prachtstauden wie Iris und Pfingstrose zusammen.Nadja Athanasiou
Idylle unter dem Apfelbaum: Hier finden Wildstauden wie Wiesensalbei, Wiesenmargerite und Kartäusernelke neben Prachtstauden wie Iris und Pfingstrose zusammen.Nadja Athanasiou
Brombeeren bändigen
Beim dreieckigen hangabfallenden Ziergarten vor dem Haus hat Caroline Landolt die alten Strukturen mit den schmalen Kieswegen und den formwilden Steinen als Einfassung und Stützen der Pflanzflächen belassen. In der Mitte des Gärtchens stand ein Apfelbaum, der aber nur noch an einer Stelle austrieb. Er wurde durch einen Züriapfel, eine alte Sorte, ersetzt. Zu dessen Wurzeln steht ein Holzbänkchen, darum herum gedeihen auf allen Stufen Stauden – einheimische kombiniert mit alten Gartensorten. Ein einladendes Plätzchen. Im dem Dorf zugewandten Gärtchen verweilt sie aber selten. Meist sei sie zum Arbeiten hier oder auf einem Rundgang, um zu schauen und zu staunen, was alles blüht. Um einfach nur zu sein, ist ihr der hintere Garten mit seinen verwunschenen Ecken lieber.
Zu diesem führt vom Vorgarten ein schmaler Weg zwischen Haus und Geländer, dem zwei Meter tiefer liegenden Bach entlang. Beim schmalen Durchgang wachsen an der Hauswand noch immer Trauben, Johannisbeeren und Hortensien wie zu Grossmutters Zeiten. Vom Bach her klettern manchmal wilde Brombeeren die Mauer hoch und schleichen sich in den Garten – einmal pro Jahr muss Caroline Landolt deshalb ins Bachbett steigen und sie bändigen.
Im Garten kann Caroline Landolt alles vergessen. Besonders gross ist das Glück, wenn die Rosen blühen und ihr Duft aus vielen Blüten strömt.Nadja Athanasiou
Im Garten kann Caroline Landolt alles vergessen. Besonders gross ist das Glück, wenn die Rosen blühen und ihr Duft aus vielen Blüten strömt.Nadja Athanasiou
Nicht damit gerechnet
Der hintere Garten liegt ebenfalls auf leicht abfallendem Gelände. Der obere Teil gehört den Hühnern, den unteren hat Caroline Landolt bei der Umgestaltung mit kniehohen Sandsteinmäuerchen terrassieren lassen. So sind drei Ebenen entstanden, mit Kieswegen, Kiesplätzchen und Pflanzflächen, die noch mit den gleichen Steinbrocken umrandet sind wie bei der Grossmutter. Viele Rosen wachsen hier, aber auch Prachtstauden und Wildstauden, miteinander kombiniert, zum Beispiel Zimbelkraut, Farne und Walderdbeeren. Am Rand steht ein Holzhaus – einst das Toilettenhäuschen, als es im Haus noch kein Badezimmer gab. Heute wird es als Geräteschuppen genutzt und ist von einer Clematis und einer Rose umrankt. Das Klettergerüst dazu hat Caroline Landolt wie viele andere Stützen und Kletterhilfen selbst geschmiedet.
Hier, auf diesem versteckten Stück Land, ist ihre Liebe für Gärten entstanden. Als Kind beim Spielen, als Erwachsene bei der Gartenarbeit. Dass es ihr so viel Freude machen würde, Rosen zu schneiden, Kies zu harken, Beikräuter zu jäten – das hatte sie aber nicht geahnt. «Wenn ich im Garten arbeite, bin ich so weit weg von allem anderen», sagt sie. «Ich vergesse alles, wie ich heisse und wer ich bin. Ich bin dann einfach nur da.» Ein Zustand völliger Versunkenheit, erfüllt von dem, was die Augen sehen und die Hände tun.
Text Sarah Fasolin Fotos Nadja Athanasiou
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #3/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.