Garten

Schönster Stoff seines Lebens

Gärten sind voller Geschichten und Texturen. Wie die grün-bunte Welt des renommierten Stoffdesigners Martin Leuthold in Winden TG. Nach vielen Jahren in der Modewelt ist er zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

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Solange etwas blüht, holt sich Martin Leuthold Blumensträusse aus seinem Garten. Ein feierlicher Moment, den sein Partner Peter Friederich (rechts) jeweils mit der Kamera festhält. Nik Hunger
Und immer wieder ein Blumenstrauss. Ein Strauss aus den Blüten, die der Garten zu bieten hat. Lang, filigran, grossblumig, rund. Begleitet von Gräsern und Zweigen. Ein Bouquet der Freude, ein Gruss vom geliebten Stück Land.
Um Blumensträusse geht es im Gespräch mit Martin Leuthold, 71, immer wieder. Als er von seiner Kindheit erzählt, die er hier im kleinen Weiler Winden im Kanton Thurgau verbrachte und in der er als Bub Sträusse aus dem Garten holte, um sie abzuzeichnen. Oder als er erzählt, dass er später als Textildesigner bei jedem Besuch bei seinen Eltern einen Arm voller Blumen mit in seine Stadtwohnung in St. Gallen nahm – als Erinnerung an den Ort seiner Kindheit, eine Quelle grosser Inspiration damals und heute.
Heute, als Pensionierter, der zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist, bindet er sich Sträusse, weil er die Essenz des Gartens ins Haus holen möchte. Ein freudiger Moment jeweils, wenn Martin Leuthold mit dem Strauss aus dem Garten zurückkehrt – seit Jahren hält sein Partner Peter Friederich diese Momente fotografisch fest. Auch jetzt steht ein Blumenstrauss beim Gartenhaus, ein Farbtupfer an diesem regnerischen Sommertag.
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Kelche, Teller, Rispen: Jede Pflanze hat ihre eigenen Blüten- und Blattformen. In Martin Leutholds Garten finden sie in grosszügigen Rabatten zusammen.Nik Hunger
Kelche, Teller, Rispen: Jede Pflanze hat ihre eigenen Blüten- und Blattformen. In Martin Leutholds Garten finden sie in grosszügigen Rabatten zusammen.Nik Hunger

Das Land der Ahnen

Blumensträusse sind eine wichtige Verbindung zwischen Martin Leuthold und seinem Garten. Aber es gibt noch mehr. Etwa den philosophischen Blick darauf, was der Garten ist und ausstrahlt. Oder den ganz praktischen Zugang, der Garten als Lebensgrundlage, als Versorger. «Das Jahr fängt mit dem Rhabarber an und hört mit den Quitten und den Walnüssen auf», sagt Leuthold, «und dazwischen gibt es noch ganz viel mehr.» Es gibt ihm viel, das Leben mit den Jahreszeiten und den dazugehörigen Arbeiten, vom Kehren des Komposts über das Vorbereiten der Beete, das Säen, Ernten und Verarbeiten – «unglaublich, was man mit einem Garten in einem Jahr alles erlebt». Für Leuthold ist es schlicht etwas Besonderes, für die Menschen, die vor ihm hier lebten, war es eine Notwendigkeit.
Leutholds Urgrosseltern haben das Land, das Haus und die kleine Scheune 1850 gekauft. Der Urgrossvater arbeitete als Gärtner, veredelte Apfelbäume und produzierte Tafelobst, das er für zwanzig Rappen das Stück auf dem Markt in St. Gallen verkaufte. Der grosse Gemüsegarten hinter dem Haus ist wohl damals schon vorhanden gewesen. Das Heimet mit dem Umschwung von hundertzehn Aren ist seither in der Familie geblieben und unter Leutholds Vater um eine Schreinerei erweitert worden. Da der Vater oft Aufträge für Galerien und Künstler hatte, gingen in Winden viele Leute aus Kunst und Kultur ein und aus. Leutholds Mutter war leidenschaftliche Selbstversorgerin, baute Gemüse und Früchte an, hielt Hühner und pflegte Beete voller Blumen. In diesem offenen, gastfreundlichen Haus mit grossem und buntem Garten wächst Leuthold mit seinen fünf Geschwistern auf. Nach der Schule macht er eine Lehre zum Stickereientwerfer und Karriere in der Textilindustrie, er wird Kreativdirektor bei der in der Haute Couture tätigen Firma Jakob Schlaepfer und entwirft Tausende von Stoffen für die Modebranche. Wiederkehrendes Motiv: Blumen. «Ein ewig gefragtes Thema in der Textilbranche», sagt Leuthold (siehe Seiten 32/33). In der Natur, erklärt er, sei alles stimmig. Proportionen, Farben, Formen, Anordnung – es passe alles zusammen.
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Schon die Urgrosseltern lebten hier: Leutholds Heimat im Weiler Winden TG. Alle Gebäude werden von Pflanzenbeeten gesäumt.Nik Hunger
Schon die Urgrosseltern lebten hier: Leutholds Heimat im Weiler Winden TG. Alle Gebäude werden von Pflanzenbeeten gesäumt.Nik Hunger

Auch Chaos ist wichtig

Es hat aufgehört zu regnen, und Martin Leuthold bricht zu einem Rundgang durch den Garten auf. Die Perfektion zu suchen, von der er in seinem Atelier eben noch gesprochen hat. Aber auch die Unordnung, die es braucht. «Hopfen ist ein schönes Beispiel», sagt er und zeigt auf die Schlingpflanze, die an zwei Schnüren nach oben klettert. «Schon nur das Blatt, seine Symmetrie und Struktur, aber auch die Art und Weise, wie sich Hopfen mit langen Schlingen nach oben hangelt – all dies ist schlicht perfekt», so der Stoffdesigner.
Und auf einmal fällt die Formenvielfalt auf, die in seinem Garten zu finden ist. Die Blüten der Wiesenrauten, Kugeldisteln, Goldkolben, Tellerhortensien, Rosen, die Rispen der Gräser, die Zweige der Sträucher und die Rinden der Bäume. Leutholds Garten fängt mit einer Wildblumenrabatte vor dem Haus an, erstreckt sich in Form von Staudenpflanzungen entlang von Scheunen und Nebengebäuden weiter, hat hinter dem Haus ein grosses Zentrum – der Gemüse- und Blumengarten – und geht anschliessend ohne Grenze über das Biotop in die Streuobstwiese und das Landwirtschaftsland über.
Nach welchen Kriterien arrangiert Leuthold seine Pflanzen? Er designe seine Beete nicht am Schreibtisch und setze sie dann exakt so um – vielmehr pflanze er intuitiv. «Meistens gehe ich nach draussen, hole das Gartenwerkzeug und fange irgendwo an», erzählt er, «und schnell ist dann auch schon ein halber Tag vorbei.» Er hätte zwar durchaus Ansprüche an die Ästhetik, sagt er, «aber da die Witterung sowieso jedes Jahr anders ist und sich die Pflanzen nicht nach Plan entwickeln, nehme ich es nicht so streng.»
Er liebe es zu beobachten, wie sich Ordnung und Unordnung im Garten ergäben. Lasse man die Natur machen, entwickle sie sich nach ihrer eigenen Ordnung: «Ich beobachte mit Erstaunen, mit welcher Kraft sich der Garten nach jedem Sturm oder Hagel erholt und neu ordnet.» Manchmal verweben sich Blätter und Blüten zu eigenen Mustern – wie Stoffe, aber dynamisch und vergänglich.
Mitunter entstehen im Garten auch Unorte, an denen es wuchert und von einer miteinander harmonierenden Pflanzengemeinschaft keine Rede sein kann. «Dann kann man als Gärtner ins Chaos eingreifen und die eigene Vorstellung von Ordnung einbringen.» Insofern stören ihn vergessen gegangene Ecken im Garten nicht – sie sind bloss der Anfang einer neuen Schaffensphase, ein kleines Versprechen neuer Schönheit.
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War schon der liebste Ort der Mutter: die grosse Gemüse- und Staudenfläche im Herzen des Gartens.Nik Hunger
War schon der liebste Ort der Mutter: die grosse Gemüse- und Staudenfläche im Herzen des Gartens.Nik Hunger

Als die Zäune verschwanden

Als Martin Leuthold die Liegenschaft vor fünfundzwanzig Jahren übernahm, folgten mehrere grössere Schaffensphasen im Garten und auf dem angrenzenden Landwirtschaftsland. Auf der Streuobstwiese pflanzte er weitere Bäume, am Rand liess er eine fünfzig Meter lange Wildhecke anlegen, als Nistplatz und Nahrungsquelle für die Vögel. Als weiterer Lebensraum für Tiere und Pflanzen wurden ein Teich ausgehoben und zusätzliche Rabatten mit Gehölzen und Stauden gestaltet. Da er und sein Partner gerne kochen, liessen sie vor das Küchenfenster einen riesigen, ausgehöhlten Steinquader als Kräuterhochbeet stellen.
Manche Erneuerungen verlangten Geduld. Der Taschentuchbaum zum Beispiel, der vergangenen Frühling nach sieben Jahren endlich das erste Mal blühte. «Ein grandioser Moment», so Leuthold. Was aber am meisten auffiel, war der Abbruch sämtlicher Zäune, die das Grundstück damals noch umgaben. «Ich wollte diese einfach weghaben», erinnert sich Leuthold. Die Nachbarn fragten sich, was für eine Umfriedung hier wohl kommen würde. Es kam keine mehr.
Interessant war jedoch, was in den darauffolgenden Jahren geschah. «Auch bei den Nachbarn verschwand ein Zaun nach dem anderen.» Heute sieht man nicht mehr, wo welches Grundstück anfängt und aufhört. Welches Haus zu welchem Gärtchen gehört. «Wir schätzen es alle, dass die Umgebung unserer Häuser nicht so streng eingeteilt, sondern dass der Raum offen ist.»
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Der gelbe Sonnenhut am Rand des Gemüsegartens blüht nicht nur in grosser Zahl, sondern auch lange: vom Sommer bis in den Herbst.Nik Hunger
Der gelbe Sonnenhut am Rand des Gemüsegartens blüht nicht nur in grosser Zahl, sondern auch lange: vom Sommer bis in den Herbst.Nik Hunger

Schwieriges Grün und Blau

Raum, Ordnung, Blumen, Formen – all diese Gartenthemen kennt Leuthold auch aus seiner Arbeit, dem Design von Stoffmustern. Und noch ein Thema mehr: die Farbe Grün. «Grün und Blau sind die schwierigsten Farben in der Mode», sagt er, «es gibt wenig grüne oder blaue Kleider, die Geschichte geschrieben haben.» Die Nuancen dieser beiden Farben seien im Druck schwer umsetzbar. Es komme selten so heraus wie geplant, das Risiko, mit Blau oder Grün danebenzugreifen, sei entsprechend gross.
Und im Garten? Das pure Gegenteil. «Achtundneunzig Prozent des Gartens sind grün», so Leuthold, «das macht den Garten aus.» Hier liebt er das viele Grün, all die Abstufungen, das hellere, dunklere, satte, matte, bleiche, zarte, kräftige Grün. Chlorophyll, die Basis jeden Wachstums, Gedeihens. Keine Pflanze ohne Grün, kein Garten ohne viel Grün. Und ohne Grün auch keine Farben, keine Essenz, kein Strauss.
Text Sarah Fasoli Fotos Nik Hunger
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #4_5/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.