Altes Handwerk

Die Kastenkrippenbauerin aus Eichberg SG

Sie ist die einzige Kastenkrippenbauerin der Schweiz. Wir besuchen Uta Schwab daheim in Eichberg SG, wo sie das alte Handwerk mit viel Sorgfalt, Spass und Liebe zum Detail pflegt.

Kastenkrippenbauerin Uta Schwab
Uta Schwab in ihrer natĂĽrlichen Umgebung: Am Arbeitstisch inmitten ihrer Werke fĂĽhlt sie sich sichtlich wohl. Lorenz Cugini
Der kleine Kerl streckt seine Arme weit von sich, und das signalrote Hemd verstärkt die Botschaft seiner Geste noch:«Schaut alle her, wie sehr ich mich freue!» Der kleine Kerl – Jubelkarl mit Namen – steht am Geländer neben der Stadtmauer und frohlockt zum Volk hinunter. Uta Schwab schaut die Krippenszene liebevoll an. «Ach, der Jubelkarle, ich mag ihn wirklich sehr. Er ist meine liebste Figur von allen.» Am Ende unseres Besuchs in Eichberg SG werden wir wissen, warum: Der Jubelkarl steht für Jugendlichkeit, Freude, Unbeschwertheit – alles Dinge, die auch Uta Schwab ausstrahlt, wenn es um ihre grosse Leidenschaft, das Kastenkrippenbauen, geht. Sie sprudelt nur so vor Begeisterung für das alte Handwerk, mit dem sie in ihrer Heimat Steiermark aufgewachsen ist. Jahrzehntelang hatte sie es aus den Augen oder vielmehr aus den Fingern verloren, bis vor zwanzig Jahren das Feuer für diese Tradition von Neuem entfacht ist. «Und seither loderts stark», sagt die 75-Jährige, als sie einen feinen Pinsel in die Hand nimmt. Ein weiterer Jubelkarl wartet darauf, von der einzigen Kastenkrippenbauerin der Schweiz sein rotes Hemdchen zu bekommen.
Kastenkrippe - Modell aus Gips, liebevoll und oppulent bemalen
Es müssen nicht immer Kästen oder Rahmen sein: Uta Schwab stellt die Geburt Christi auch detailreich in alten Spanschachteln dar.Lorenz Cugini
Kastenkrippe - Modell aus Gips, liebevoll und oppulent bemalen
Es müssen nicht immer Kästen oder Rahmen sein: Uta Schwab stellt die Geburt Christi auch detailreich in alten Spanschachteln dar.Lorenz Cugini

Kreativität als roter Faden

Bei Uta und Fritz Schwab ist tatsächlich das ganze Jahr über Weihnachten. In ihrer gemütlichen Wohnung in Eichberg im St. Galler Rheintal ist nämlich ein ganzer Raum ihren fast vierzig Krippen gewidmet – die kleinste umfasst zwei Zentimeter, die grösste einen Meter. Auch ein Arbeitstisch sowie Kisten und Schubladen voller Material und Utensilien gehören dazu. «Kreativität war schon immer der rote Faden in meinem Leben», erzählt Uta Schwab. Nach der Ausbildung zur Textildesignerin in Wien liebäugelte sie mit der hiesigen Kunstakademie. Vom Studium sah sie aber ab, als sie mit Neunzehn ihr erstes Kind erwartete. Dann liess sie sich nach dem frühen Unfalltod ihres ersten Mannes zusätzlich zur Dekorateurin ausbilden.
Kastenkrippe
In solchen Kästen mit passendem Deckel baute das Volk zur Aufklärungszeit seine Krippen selbst. So konnte es im eigenen Zuhause das Krippenverbot in den Kirchen umgehen.Lorenz Cugini
Kastenkrippe
In solchen Kästen mit passendem Deckel baute das Volk zur Aufklärungszeit seine Krippen selbst. So konnte es im eigenen Zuhause das Krippenverbot in den Kirchen umgehen.Lorenz Cugini
In die Schweiz verschlug es die Österreicherin dann Ende der Neunzigerjahre; damals heuerte sie im Aussendienst einer Herren-Unterbekleidungsfirma an. Auf diese Weise lernte sie Land und Leute kennen und lieben – und ihren heutigen Mann Fritz, 68. «Ich merkte rasch: Da hatte ich es mit einem grossen Weihnachtsfan zu tun», sagt Uta Schwab lachend. Bei einem Besuch am Weihnachtsmarkt in Ulm erzählte sie ihm erstmals von ihrer Tante, die in der Steiermark eine bekannte Kastenkrippenbauerin war. Und wie sie selbst als Siebenjährige in den Schulferien tagelang in der Werkstatt sass und mithelfen durfte. «Ich sah, wie Utas Augen leuchteten. Da fragte ich sie: ‹Und wieso fängst du eigentlich nicht wieder damit an?›» Die Antwort lieferte Uta Schwab sich und ihrem Mann nur wenig später, als sie diverse Kurse in Landeck und Wenns in Tirol, in Graz, in Salerno und in Málaga besuchte, den Hochburgen des Kastenkrippenhandwerks. Bald hatte sie ihr erstes Atelier eingerichtet – und legte los.
Werkzeug der Kastenkrippenbauerin
Von der DrahtbĂĽrste ĂĽber Medizinzangen bis zu Pinzetten kommen viele Werkzeuge zum Einsatz.Lorenz Cugini
Werkzeug der Kastenkrippenbauerin
Von der DrahtbĂĽrste ĂĽber Medizinzangen bis zu Pinzetten kommen viele Werkzeuge zum Einsatz.Lorenz Cugini

Zeitlose Symbolkraft

Ursprünglich entstanden Kastenkrippen aus der Not heraus. Während der Aufklärungszeit im achtzehnten Jahrhundert bekämpfte die Obrigkeit in den habsburgischen Ländern das Ausüben religiöser Tätigkeiten und verbot das Aufstellen von Krippen und Krippenspielen in den Kirchen. Dieses staatliche Verdikt bewirkte aber, dass Krippen für die Menschen nur noch wichtiger wurden: Sie begannen, ihre eigenen biblischen Szenerien selbst im privaten Rahmen zu bauen – und zwar in Kästen, die sie verschliessen und wenn nötig im Nu hinter dem Täfer verstecken konnten. «Ausserdem konnte sich das einfache Volk opulente Barockkrippen mit handgeschnitzten Figuren nicht leisten», so Uta Schwab. Stattdessen stellte es Halbrelieffiguren aus Gips und Lehm (heute als «Loahmmandl», also Lehmmännchen bekannt) in ihre Landschaften aus Materialien, die sie in der Natur fanden.
Text: Sabrina Glanzmann
Dieser Artikel erschien in der Schweizer LandLiebe #8 Januar/Februar 2020. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.