Brachers haben ihren Hof für die Zukunft fit gemacht – statt Milchkühen sorgen Weiderinder für ein Auskommen. Und das alte Ofenhaus wurde zum Bed and Breakfast umgebaut.
Emmentaler Bauernhaus mit Garten und Katze auf Gartentisch Reto Guntli
Schon seit über einem Jahr wird im Berner Lauterbachtal an einem neuen Damm gebaut. Er soll ab 2020 das nahe gelegene Oberburg und das Schlossquartier von Burgdorf vor Hochwasser schützen. Baumaschinen und Container stehen neben der Strasse, abgetragenes Erdreich wartet auf den Abtransport. Bereits wächst eine viele Meter hohe, graue Betonwand anstelle von grünem Blattwerk an der westlichen Flanke des Tals. Kaum zu glauben, dass das plätschernde Bächlein, das hier zur Emme fliesst, bei starken Regenfällen zum reissenden Bach anschwellen kann. Etwas stromaufwärts zweigt rechter Hand ein steil ansteigender Weg von der Lauterbachstrasse ab. Schon nach wenigen Hundert Metern ist der Weiler Hof erreicht. Zwei Heimet, wie die Bauernhöfe im Bernischen genannt werden, stehen hier. Eines gehört der Familie Bracher schon seit fünf Generationen. Die sechste wächst gerade heran.
Die Holzfassade ist weiss gestrichen. Grüne Fensterläden zeigen an, dass das Haus auf dem Land steht. In den Dörfern nahe Bern sind die Läden rot.Reto Guntli
Die Holzfassade ist weiss gestrichen. Grüne Fensterläden zeigen an, dass das Haus auf dem Land steht. In den Dörfern nahe Bern sind die Läden rot.Reto Guntli
Investition in die Zukunft
Das Ehepaar Rahel und Andreas Bracher möchte seinen Kindern Jana, 11, und Tristan, 8, eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Ob eines von ihnen den Hof einmal übernehmen wird, steht noch in den Sternen. Doch an der Zukunft des Betriebs arbeiten die Eltern seit über fünfzehn Jahren ohne Rast und Ruhe. Vor allem Rahel hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, den historischen Bestand zu pflegen, zu bewirtschaften und weiterzuentwickeln. Dabei hatte sie sich als junges Mädchen fest vorgenommen, niemals Bäuerin zu werden. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie selbst im nur wenige Kilometer entfernten Zimmerberg auf einem ähnlichen Betrieb geboren wurde. Nach der Schule wäre sie gerne Floristin geworden, doch in der Gegend war keine Lehrstelle zu finden. So suchte sie nach der Ausbildung nach neuen Herausforderungen, arbeitete in einer Baumschule und einem Hotel – und sammelte Erfahrungen, die sie in ihrem späteren Leben einmal gut gebrauchen würde. Das begann 2001 mit dem Einzug bei ihrem Liebsten auf dem Bracherschen Hof.
Brachers bekamen zur Hochzeit zwei Schottische Hochlandrinder. Inzwischen ist eine kleine Herde daraus geworden.Reto Guntli
Brachers bekamen zur Hochzeit zwei Schottische Hochlandrinder. Inzwischen ist eine kleine Herde daraus geworden.Reto Guntli
Neugestaltung des alten Bauernhauses
Der Ortswechsel brachte vor allem auch einen Sinneswandel mit sich. Rahel entschied sich, noch im gleichen Jahr die Bäuerinnenschule in Münsingen zu besuchen. «Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe», bekennt sie rückblickend. Fortan unterstützt sie ihren künftigen Mann, der im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb und als Fahrer in einem Transportunternehmen arbeitet. Als erstes Projekt legt sie den verwilderten Gemüsegarten, der über der Strasse vor der schmucken Fassade des 1747 erbauten Bauernhauses liegt, neu an. In dessen Mittelachse entstehen nach ihrem Entwurf Buchsbaumrabatten und ein Rondell mit Rosen. 2004 bauen die Brachers einen neuen Wagenschopf. Der bietet kurz nach Fertigstellung Platz für die Hochzeit von Rahel und Andreas mit über 200 Gästen. Da die Eltern von Andreas längst ins Stöckli nebenan gezogen sind, soll nun endlich das alte Bauernhaus renoviert werden. Mit dem Plan für eine neue Küche wendet sich das Paar an Andreas’ Schwager, der Schreiner ist. Er rät, doch gleich noch eine Treppe ins erste Geschoss einzubauen – bisher gab es nur eine Aussentreppe. So kommt es, dass über der Küche ein grosses Stück der Decke entfernt wird und ein luftiger Treppenaufgang entsteht. Im ersten Stock wird die Galerie mit einem schmiedeeisernen Geländer eingefasst. Fortan stehen hier auf der einen Seite eine Sofagruppe zum Fernsehen und gegenüber ein Arbeitstisch mit Regalen, in denen allerlei Utensilien zum Nähen, Basteln und Werken untergebracht sind. An der Wand hängt eines der originalen, fast 300 Jahre alten Bleiglasfenster der Fassade, in das die Segenswünsche der Nachbarn eingeritzt sind.
Vom Treppenabsatz im ersten Stock sieht man in die offene Küche im Erdgeschoss. Die Arbeitsplatte ist aus heimischem Eichenholz geschreinert.Reto Guntli
Vom Treppenabsatz im ersten Stock sieht man in die offene Küche im Erdgeschoss. Die Arbeitsplatte ist aus heimischem Eichenholz geschreinert.Reto Guntli
Text: Christine Marie Halter-Oppelt
Dieser Artikel erschien in der LandLiebe #4 / Juli, August 2019.