Wandern

Bergmenü für Geniesser

Der Gäbris ist der perfekte Ausflugsberg: Auf dem Gipfel gibt es eine grandiose Aussicht, dazu ein idyllisches Seelein und zwei Beizli. Dank mässiger Höhendifferenzen erfordert die Tour ab Trogen AR nur wenig Anstrengung.

Ein kleines Paradies auf dem Weg zur Kuppe des Gäbris: Vom zauberhaften Gäbrisseeli geht die Sicht hinüber zum Alpstein mit dessen höchstem Punkt, dem 2502 Meter hohen Säntis-Gipfel.
Ein kleines Paradies auf dem Weg zur Kuppe des Gäbris: Vom zauberhaften Gäbrisseeli geht die Sicht hinüber zum Alpstein mit dessen höchstem Punkt, dem 2502 Meter hohen Säntis-Gipfel.Thomas Senf
So mag man es im Herbst: Über dem Nebel scheint die Sonne – klares Licht flutet das Appenzellerland. Unten in St. Gallen war es noch trüb und neblig, doch schon an der Vögelinsegg wich die wattige Wolkendecke. Unser Zug setzt einen frischen Akzent in die Landschaft: Die knallrote Komposition fährt flink über sattgrünes Weideland, an dunkelgrünen Tannenwäldern vorbei. An der Endstation Trogen AR steigen wir aus und machen uns auf den Weg zum Gäbris.
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Am Gäbris laden gleich zwei Bergrestaurants die Wandernden zur Rast ein. Besonders urchig ist die Wirtschaft Unter Gäbris. Draussen gibt es eine grosse Aussichtsterrasse, drinnen eine gemütliche Gaststube mit Kachelofen.Thomas Senf
Am Gäbris laden gleich zwei Bergrestaurants die Wandernden zur Rast ein. Besonders urchig ist die Wirtschaft Unter Gäbris. Draussen gibt es eine grosse Aussichtsterrasse, drinnen eine gemütliche Gaststube mit Kachelofen.Thomas Senf

Ein Dorf mit Palästen

Nach wenigen Minuten erreichen wir schon den Landsgemeindeplatz, die erste Sehenswürdigkeit unserer Tour. Die mit Textilhandel zu Wohlstand gekommene Unternehmerfamilie Zellweger liess hier im achtzehnten Jahrhundert mehrere prachtvolle Steinpaläste errichten. Das Ensemble verleiht dem Dorfplatz eine geradezu städtische Anmutung. An einem der Gebäude signalisiert uns ein gelber Rhombus den Abstieg ins Bruederbach-Tobel. Unten gelangen wir zu einer Strassenbrücke, auf der wir den Bach überqueren. Auf der anderen Seite zweigt ein schmales Weglein in den Wald ab und führt über Wurzeln und kleine Brücken aufwärts.
Nach einer Weile gelangen wir auf Weideland, folgen den Wanderwegschildern – und stranden plötzlich vor dem undurchdringlichen Dickicht eines verwilderten Gartens. Ratlos schauen wir uns um. Als wir die Wanderkarte konsultieren, stellen wir fest, dass man hier den Wanderweg kürzlich verlegt, die gelben Tafeln aber offenbar noch nicht gedreht hat.
Auf einem Strässchen steigen wir zum Lindenbüel-Hügel auf. Noch etwas unterhalb von dessen Kuppe kommen wir am geschichtsträchtigen Haus Lindenbühl vorbei. Errichtet wurde es im neunzehnten Jahrhundert als landwirtschaftliches Anwesen, später diente es als Erziehungsanstalt für junge Männer und schliesslich als Grandhotel, in dem der Rotkreuz-Gründer Henri Dunant zwei Jahre als Pensionär verbrachte. Heute wird das Gebäude von einer Genossenschaft als Ferien-und Seminarhaus betrieben.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Rotbraun, Himmelblau, Nebelgrau: Auf dieser Herbstwanderung taucht man in die ganze Farbpalette der Natur.Thomas Senf
Rotbraun, Himmelblau, Nebelgrau: Auf dieser Herbstwanderung taucht man in die ganze Farbpalette der Natur.Thomas Senf

Durchatmen im Bergwald

Noch ein paar weitere Höhenmeter geht es aufwärts, danach wandern wir eine Weile ebenen Wegs auf einem Kiessträsschen, das sich zwischen Wiesen und Waldgebieten in ein Tälchen schlängelt. Auf einmal liegt säuerlich-würziger Holzgeruch in der Luft, und schon bald kommen wir an mächtigen Stapeln von frisch gesägten Brettern und Balken vorbei. Grosse Säge, so heisst dieser Ort gemäss der Landeskarte. Der Flurname passt bestens. Während sich das Tälchen allmählich verengt, beginnt der Weg zu steigen, vorerst nur sanft, nach einer Weile dann etwas mehr, und als wir in den Wald kommen, geht es richtig entschieden aufwärts, doch übermässig anstrengend ist das nicht. Still ist es im schattigen Tannenwald, die Luft ist wunderbar frisch und duftet nach Moos und Pilzen.
Als wir die Hügelkrete erreichen und den Wald verlassen, weitet sich schlagartig die Sicht: Oberhalb des Bauernguts Ruhsitz blicken wir über das St. Galler Rheintal hinweg zur Kette der Vorarlberger Alpengipfel. Nun wenden wir unseren Schritt Richtung Westen und bummeln auf einem hübschen Wiesenweg über den Gäbris-Kamm gemütlich dem Waldrand entlang. Über dem Wald im Süden öffnet sich zusehends die Aussicht auf den Alpstein, bis wir schliesslich den gesamten Bergzug vom Fähnerenspitz bis zum Säntis-Gipfel bestaunen können.
Lässt sich ein solch prächtiger Anblick noch übertreffen? Oh ja! Unverhofft entdecken wir ein kleines Paradies am Weg: das Gäbrisseeli. Ein schmaler Pfad führt rings um den kleinen Moorsee herum. Die Runde dauert eigentlich nur wenige Minuten, doch an mehreren lauschigen Ecken laden Holzbänke dazu ein, an diesem idyllischen Ort etwas zu verweilen. Wir kommen dieser Verlockung gerne nach und geniessen die Sicht über die spiegelglatte Wasseroberfläche hinweg zum Säntis.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Perfekte Harmonie: Auf einer Hügelkuppe im Gebiet Ruhsitz streckt diese mächtige Buche ihre Äste seit vielen Jahrzehnten in die klare Bergluft und erfreut mit ihrem Anblick vorbeiziehende Wanderinnen und Wanderer.Thomas Senf
Perfekte Harmonie: Auf einer Hügelkuppe im Gebiet Ruhsitz streckt diese mächtige Buche ihre Äste seit vielen Jahrzehnten in die klare Bergluft und erfreut mit ihrem Anblick vorbeiziehende Wanderinnen und Wanderer.Thomas Senf

Bergbeiz mit offener Tür

Nun marschieren wir auf einem asphaltierten Strässchen noch etwas weiter aufwärts. Auf einem mit Gras überwachsenen Hügel entdecken wir ein kleines Karussell, eine Rutschbahn und ein Seilgerüst zum Klettern. Der Spielplatz kündigt unverkennbar ein Restaurant an. Wenige Augenblicke später stehen wir vor der Wirtschaft Unter Gäbris. Glück gehabt, das Bergbeizli ist offen! Das ist nicht selbstverständlich. Auf vielen anderen Ausflugsbergen schliessen die Beizen nach den Herbstferien, weil die Bergbahnen und touristischen Buslinien den Saisonbetrieb einstellen. Und hier? «Wir sind immer da», sagt uns an der Eingangstür Annelies Bodenmann-Signer lachend. Einzig zwei Ruhetage pro Woche sowie ein paar Tage Ferien in der Nebensaison gönnen sich die Wirtin und ihre Familie.
Es ist kühl, dennoch trotzen auf der Terrasse ein paar Unentwegte der Bise. Wir ziehen es vor, drinnen zu rasten. In der Gaststube ist es urgemütlich: Wände, Decke, Boden – alles ist aus Holz. Ein grosser Kachelofen spendet Wärme. Schon bald heizt uns eine feine Gerstensuppe zusätzlich ein. Als Dessert geniessen wir einen hausgemachten Schlorzifladen – der Kuchen mit Dörrbirnenfüllung und Rahmguss ist eine Spezialität des Alpsteingebiets. Dann machen wir uns wieder auf den Weg.
Wir steigen noch ein paar Dutzend Höhenmeter weiter aufwärts und kommen am Ober Gäbris vorbei, dem zweiten Bergbeizli am Gäbris. Gleich dahinter liegt unser «Gipfelziel». Das Panorama, das sich uns von der Graskuppe des Gäbris zeigt, ist grossartig. Am Horizont reiht sich Gipfel an Gipfel von den Bündner bis zu den Zentralschweizer Alpen. Weniger klar ist die Aussicht nach Norden. Noch immer liegt eine dichte Hochnebeldecke über dem Bodenseegebiet. Ihre verfransten Ausläufer streckt sie bis in die Region St. Gallen aus.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Auf Landliebewanderung mit Autor Andres Stäger von Trogen auf den Gäbris, AR.
Frische und klare Bergluft auch beim Abstieg: Am Nistelbüel bei Trogen öffnet sich die Sicht bis zum Bodenseegebiet.Thomas Senf
Frische und klare Bergluft auch beim Abstieg: Am Nistelbüel bei Trogen öffnet sich die Sicht bis zum Bodenseegebiet.Thomas Senf

Tannenwald und Hügelwellen

Der eigentliche Gäbris-Gipfel ist bewaldet und liegt noch ein paar Meter höher. Wir steigen hinauf und auf der anderen Seite gleich wieder hinunter, um den Weg zurück nach Trogen anzutreten. Kurz nach der Wegverzweigung Dreispitz-Wald lassen wir den Wald hinter uns. Wie in einer Naturarena breitet sich liebliches Appenzeller Hügelgebiet vor uns aus. Tannenwälder umgeben die sanft gewellten weiten Wiesenflächen. Die malerische Landschaft, die wir nun durchstreifen, bietet uns viel Abwechslung: Teils geht es abwärts, teils ebenen Wegs voran, mal vorbei an Wiesen, dann wieder durch Wald. So gelangen wir zum Weiler Sand und am Kinderdorf Pestalozzi vorbei wieder zum Bahnhof Trogen. Von dort bringt uns das rote Bähnli zurück in den mittelländischen Nebel.
STECKBRIEF Trogen AR–Gäbris
Start und Ziel Vom Bahnhof Trogen (913 m) via Landsgemeindeplatz (904 m), Grosse Säge (930 m) und Ruhsitz (1142 m) auf den Gäbris (1250 m), via Nistelbüel (1040 m) und Sand (982 m) zurück nach Trogen Distanz 10,6 km Gehzeit 3 h 15 min Höhenmeter 500 auf- und abwärts Einkehr Auf dem Gäbris oder in Trogen Tipp Auf der Webseite www.jahrhundertderzellweger.ch gibt es vertiefte Informationen über die Zellweger-Paläste in Trogen.
Text Andreas Staeger Fotos Thomas Senf
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #7/2025. Lesen Sie weitere inspirierende Wanderreportagen im E-Paper.