Für kleine und grosse Füsse

Munter plätschernde Bäche, idyllische Seelein und blumenreiche Alpweiden: Bei einer Wanderung auf dem Bergalpe-Rundweg am Simplonpass kann man die Walliser Bergwelt ohne grosse Anstrengung entdecken.

Besonders für Familien ist die Bergalpeam Simplon ein ideales Wandergebiet. Die beiden jungen Wanderer geniessen die Pause auf einem Bänkli am Weg.Über dem Hopschusee erhebt sich der Monte Leone, rechts davon zeigt sich das Hübschhorn.
Besonders für Familien ist die Bergalpeam Simplon ein ideales Wandergebiet. Die beiden jungen Wanderer geniessen die Pause auf einem Bänkli am Weg.Über dem Hopschusee erhebt sich der Monte Leone, rechts davon zeigt sich das Hübschhorn. Thomas Senf
Gleich vier Postautohaltestellen in Serie gibt es auf dem Simplonpass. Eine eindeutige Passhöhe wie auf anderen Alpenpässen existiert hier nicht. Stattdessen erstreckt sich zwischen dem Hübschhorn und dem Tochuhorn, die den Pass umrahmen, eine kilometerlange Hochebene. Die Haltestellen Simplon Kulm und Simplon Pass lassen wir vorbeiziehen, erst bei der dritten Station steigen wir aus. Benannt ist sie nach dem Simplon-Hospiz, vor dem wir nun stehen.
TS_SH0894_SIMPLON_D-407779.jpg
TS_SH0894_SIMPLON_D-407779.jpg
Wandergenuss ohne Mühsal: Der Bergalpe-Rundweg verläuft hier entlang einzelner Lärchen und gewaltiger Gneisblöcke.Thomas Senf
Wandergenuss ohne Mühsal: Der Bergalpe-Rundweg verläuft hier entlang einzelner Lärchen und gewaltiger Gneisblöcke.Thomas Senf

Kaiserlicher Befehl

Das stattliche Gebäude entstand vor über zweihundert Jahren auf Geheiss von Napoleon Bonaparte. Weil der französische Kaiser die Verbindung zwischen seinem Land und Italien vollständig unter seine Kontrolle bringen wollte, annektierte er 1810 kurzerhand das Wallis und gliederte es als Departement Simplon in sein Reich ein. Zugleich ordnete er an, den Saumweg über den Simplonpass zu einer Strasse auszubauen, die von Artillerietruppen befahren werden konnte. Das Hospiz sollte dem Passverkehr als Versorgungsstation dienen. Doch ehe der Bau fertiggestellt war, wurde Napoleon gestürzt. Erst zwanzig Jahre später übernahm ein kirchlicher Orden das Projekt und vollendete es – bis heute wird es von der Brüdergemeinschaft als Kurs- und Erholungszentrum betrieben.
Das Hospiz mit seiner wechselvollen Geschichte ist nicht das einzige ungewöhnliche Bauwerk, dem wir auf der heutigen Wanderung begegnen werden. Natur und Geschichte sind am Simplon auf ungewöhnliche Weise miteinander verwoben. Der Bergalpe-Rundweg, den wir nun erkunden wollen, bietet eine gute Möglichkeit, dieses landschaftlich sehr reizvolle Gebiet zu erleben.
Am Hospiz vorbei marschieren wir auf einem schmalen Strässchen zu einer kleinen Häusergruppe, bei der wir auf einen Fussweg einschwenken, der uns über eine Alpweide führt. Schon bald senkt sich der Pfad zu einem grossen Parkplatz direkt an der Passstrasse. Eine Unterführung erlaubt uns, den schmucklosen Ort und den motorisierten Verkehr zügig hinter uns zu lassen. Sogleich tauchen wir in eine völlig andere Umgebung fern von Häusern und Strassen ein. Auf einem wunderschönen Naturpfad durchqueren wir einen idyllischen Lärchenwald. Die Bäume stehen in lockeren Abständen beieinander und lassen viel Licht zum Boden vordringen. Davon profitieren mehrere Grüppchen von Alpenrosen. Ihre leuchtend roten Blüten stehen in einem zauberhaften Kontrast zum frischen Grün der Lärchennadeln.
Nach einer Weile geht der Pfad in ein Kiessträsschen über, das uns nach Stalde führt und dann, den Weiler umgehend, sanft zu steigen beginnt. Das Trassee ist hier mit Natursteinen gepflästert, was darauf schliessen lässt, dass dieser Abschnitt schon vor langer Zeit gebaut worden sein muss. Wie viele Kühe, Hirtinnen und Hirten wohl schon über diese Steine geschritten sein mögen?
Zwischen Hügelchen, die mit Alpenrosen bewachsen sind, gelangen wir auf eine Kuppe, wo sich ein malerischer Anblick öffnet: In einer Mulde liegt ein Seelein, das von Moorwiesen umgeben ist. Hopschusee, so heisst dieses Naturjuwel. Der eigentümlich klingende Name geht auf das Dialektwort «Hopschil» zurück, mit dem in Walliserdeutsch ein Frosch bezeichnet wird.
TS_SH0894_SIMPLON_D-407569.jpg
TS_SH0894_SIMPLON_D-407569.jpg
Vor den Gipfeln des Monte Leone(Mitte) und des Hübschhorns (rechts) kokettieren die Alpenrosen mit ihrer Farbenpracht.Thomas Senf
Vor den Gipfeln des Monte Leone(Mitte) und des Hübschhorns (rechts) kokettieren die Alpenrosen mit ihrer Farbenpracht.Thomas Senf

Die Frösche bleiben im Wasser

Wir setzen uns auf eine Holzbank am Ufer und geniessen den Blick auf die umliegenden Berge. Besonders anziehend erscheint uns der vergletscherte Gipfel im Süden. Mit einer Gipfelhöhe von 3985 Metern ist das Fletschhorn ein Fast-Viertausender. Was wir hingegen nicht zu Gesicht bekommen, sind Frösche. Sie scheinen keine Lust zu haben, sich am Ufer zu zeigen, sondern ziehen es vor, sich im Moorsee gütlich zu tun.
Nach unserer Pause gelangen wir in einem kurzen Aufstieg zum nahen Weiler Hopsche, wo sich uns der anmutige Bergsee beim Blick zurück nochmals in seiner ganzen Pracht zeigt. Wenig später führt der Wanderweg in eine Senke, auf deren anderer Seite wir das Hospiz erblicken, bei dem unsere Wanderung begonnen hat. Landschaftlich besonders schön ist der folgende Abschnitt. Der Bergweg verläuft leicht abwärts und quert abwechslungsweise Alpweiden und Feuchtgebiete mit kleinen Tümpeln. Wir wandern durch Tälchen, an deren Seitenhängen wir eindrückliche Felsformationen entdecken. Dazwischen überqueren wir auf einfachen Holzstegen Bergbäche, die zwischen den Weiden talwärts plätschern. Die Szenerie wird vom Fletschhorn und seinem Nachbargipfel Böshorn gekrönt. Gibt es etwas Vergnüglicheres, als vor einer solchen Prachtkulisse zu wandern?
Der Weg führt uns an zwei weiteren hübschen Weilern mit alten Steinhäusern vorbei: Von Bielti gelangen wir ebenen Wegs hinüber nach Niwa. Dort fällt unser Blick auf zwei ungewöhnliche Bauwerke, die einige hundert Meter abseits der Wanderroute unweit der Passstrasse stehen. Das eine sieht aus wie eine Mischung aus Schloss und Kirche. Es handelt sich um das Alte Hospiz, das im siebzehnten Jahrhundert auf Initiative des Kaufmanns und Politikers Kaspar Stockalper als Schutzgebäude für Reisende errichtet wurde.
Der Oberwalliser war einer der mächtigsten Männer, die zu jener Zeit im Gebiet der heutigen Schweiz lebten und wirkten. Durch seine Beziehungen zu europäischen Fürstenhäusern, vor allem aber durch das Monopol auf den Salzhandel war er zu enormem Reichtum gelangt. Zwar war der Übergang vom Rhonetal über den Simplonpass in den Mittelmeerraum schon in vorgeschichtlicher Zeit genutzt worden. Doch erst nachdem Stockalper den Saumweg hatte ausbauen lassen, erlangte die Verbindung internationale Bedeutung – bis der mächtige Unternehmer von Neidern zu Fall gebracht wurde. Stockalper verlor alle Ämter und einen Teil seines Vermögens und musste sich nach Domodossola absetzen, sein Lebenswerk am Simplon fiel in einen Dornröschenschlaf. Etwas unterhalb des prunkvollen Granitbaus steht ein Gebäude, das zwar schmal, aber nicht weniger als hundertzwanzig Meter lang ist. Das Barralhaus wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als Ferienheim für junge Priester errichtet.
Kurz bevor wir die Passstrasse nochmals überqueren, beginnt der Weg wieder zu steigen. Nicht direkt, sondern in kurviger Linie geht es aufwärts, sodass wir ausgiebig Gelegenheit haben, die Blumenpracht, die uns umgibt, aus immer wieder wechselnder Perspektive zu bestaunen. Ganze Felder von Alpenrosen erstrecken sich vor unseren Augen.
TS_SH0894_SIMPLON_D-407896.jpg
TS_SH0894_SIMPLON_D-407896.jpg
Historische Bauten amRand der Bergalpe: links das auf Geheiss von Kaspar Stockalper errichtete alte Simplon-Hospiz, rechts das Barralhaus.Thomas Senf
Historische Bauten amRand der Bergalpe: links das auf Geheiss von Kaspar Stockalper errichtete alte Simplon-Hospiz, rechts das Barralhaus.Thomas Senf

Picknick am Ufer

Als wir eine Geländerippe umgehen, öffnet sich die Sicht auf den Rotelschsee und das etwas weiter unten liegende Simplon-Hospiz, den Ausgangs- und Zielpunkt unserer Rundwanderung. Der zweite Bergsee an unserer Route entzückt uns mit einer glitzernd-funkelnden Wasserfläche. Im Unterschied zum Hopschusee dürfte man ihn für ein erfrischendes Bad nutzen, da er ausserhalb des Moorschutzgebiets liegt. Uns steht der Sinn allerdings weniger nach Schwimmen als nach etwas Nahrhaftem. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen am Ufer und packen unser Picknick aus. Während wir uns stärken, blicken wir auf eine gelungene Wanderung in einer wunderschönen alpinen Landschaft zurück.
STECKBRIEF Rundweg Bergalpe, Simplonpass
Start und Ziel Von der Postautohaltestelle Simplon Hospiz (1998 m) über Simplon Kulm (2004 m) zum Hopschusee (2020 m), via Bielti (1892 m) zum Rotelschsee (2030 m) und zurück zum Simplon-Hospiz Distanz 7,8 km Gehzeit 2 h 30 min Höhenmeter 350 auf- und abwärts Einkehr Im Hotel Monte Leone oder im Hotel Simplon-Blick (beide je 400 Meter vom Simplon-Hospiz entfernt)
Text Andreas Staeger Fotos Thomas Senf
Diese Reportage erschien in der Schweizer LandLiebe #4_5/2025. Lesen Sie den ganzen Artikel im E-Paper.